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| 01:36 Uhr

Deftiges Menuett und imaginärer Held

Applaus: im Vordergrund Stefan Schill (Oboe, M.) und Sebastian Tewinkel (Dirigent, r.). Foto: Kross
Applaus: im Vordergrund Stefan Schill (Oboe, M.) und Sebastian Tewinkel (Dirigent, r.). Foto: Kross FOTO: Kross
Für das vierte Philharmonische Konzert hatte das Cottbuser Orchester den Gastdirigenten Sebastian Tewinkel eingeladen. Es erklangen Werke von Joseph Haydn, Richard Strauss und als Uraufführung „Lines, Puzzles“ von Ludger Brümmer. Von Irene Constantin

Mit Haydns 26. Sinfonie d-moll führte sich Sebastian Tewinkel nicht eben vielversprechend ein. Er ließ die gesamte Sinfonie mit einem massiven Klang musizieren, entwickelte wenig Sinn für den zerklüfteten, synkopisch voranstürmenden ersten Satz mit seinen Gegensätzen von Abgründigkeit, Trost und choralhaft anklingender Verklärung, langweilte mit einem Adagiosatz, in dem der Bass, statt mit antizipierendem Drive vorwärtszudrängen, der Melodie schlapp hinterherdümpelte, und schloss mit einem deftigen Menuett, das von den komponierten Hintergründen und Brüchen wenig ahnen ließ. Die Sinfonie, Beiname "Lamentatione", zeigte, dass Haydn, sehr oft unterschätzt, detailgenaue Arbeit benötigt. Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert, als man sich mit wenigen Vortragsbezeichnungen begnügte, entwickelten sich ab dem mittleren 19. Jahrhundert immer genauere schriftliche Interpretationsvorschriften. Die Macht über die klingende Musik ging sozusagen von der Fantasie und musizierpraktischen Kenntnis der Interpreten auf die schriftlich fixierte Partitur über. Insofern ist es leichter, eine rauschhafte Richard-Strauss-Partitur "vom Blatt" zu dirigieren als die Werke der frühen Klassik. Dem frühklassisch leichtflüssigen Duktus näherte sich jedoch gerade Richard Strauss in seinem Spätwerk wieder stärker an. Sein Konzert für Oboe und kleines Orchester entstand 1945 auf Anregung eines amerikanischen Musikers, der den berühmten Meister nach Kriegsende besuchte. Mit dem Solisten Stefan Schilli war der richtige Mann für dieses Stück engagiert worden. Seine helle und gleichzeitig warme Tongebung, sein geschmeidiger Ausdruck passten wunderbar zu dem lichten und heiteren Werk. Schön ausbalanciert die Kantilenen, keinerlei Spitzigkeit in den virtuosen Passagen; er modellierte einen Oboenklang, wie man ihn sich bei Strauss, der die weiche Helligkeit der Oboe liebte, nur wünschen kann. Wer am Karlsruher "Institut für Musik und Akustik" des "Zentrums für Kunst und Medientechnologie" in leitender Position beschäftigt ist, muss sich zunächst durch diesen Haufen steinharter Vokabeln hindurchbeißen, ehe er eine so feinsinnige und humorvolle Musik komponieren kann, wie es Ludger Brümmer mit seinen "Linien" und Puzzles" gelungen ist. Die Tonfolgen von "Lines, Puzzles", die man im melodiegewohnten und -bedürftigen Ohr gern zusammenfügen möchte, fast automatisch auch zusammenfügt, gleiten durch verschiedene Instrumentengruppen des Orchesters. Das Finden der Schein-Melodie wird immer schwieriger, denn die Linien werden immer feiner, immer kürzer, schließlich schweben die zarten Fädchen wie Spätsommerspinnweben lose im Klangraum. Am Ende, wie um den Zuhörer ein wenig zu narren, werden sie leiser und leiser, um schließlich zwischen Klavier, Celesta und Harfe kaum hörbar zu vertropfen. Das anregend Irritierende, aber für einen Komponisten, an dessen Arbeitsplatz "Medientechnologie" steht, Selbstverständliche, ist die Verwendung elektronischer Technik. Leise, den gesamten Orchesterklang reizvoll verfremdend, wird immer wieder ein vibrafonartiger Klanganteil hinzugemischt. Ein delikates Werk, gut gespielt, die reine Freude am Konzertabend.Als krönender Abschluss folgte Richard Strauss' rauschhafte frühe Tondichtung "Tod und Verklärung". Strauss schuf sich einen imaginären Helden, ließ ihn leiden, sterben und hymnisch auferstehen. Die reizvollste Episode schildert, kontrastierend zum herben Schmerzmotiv, traumversunkene Kindheitserinnerungen, realisiert durch kurze, aber berückend schöne Soli der Violine - wunderbar intensiv musiziert -, der Bratsche, Flöte, Oboe. Eine große Apotheose beschließt das Werk: Im Weltraum findet der Künstler seine Idee, die er auf Erden nicht vollenden konnte, in herrlichster Gestalt. So formulierte Strauss das Programm des Werkes.