Wirklich schade ist die Sache mit der strikten Geheimhaltung, der alle Filme, die eingereicht worden sind, bis zur offiziellen Verkündung des Programms unterliegen.

Bei der Sichtung der Kurzfilme war nämlich ein ganz wunderbarer slowakischer Beitrag dabei. Es geht um einen Mann, der . . . nein, Genaueres sollte man besser gar nicht verraten, die Handlung ist wirklich ziemlich einmalig. Zwei der drei Mitglieder der Auswahlkommission waren von dem überraschenden Streifen ganz entzückt, schwärmten von dem ungewöhnlichen Setting, den schönen, mutigen Kamerabildern, vom skurrilen Charme des Hauptdarstellers. Die für die Kurzfilmsektion des Festivals zuständige Cottbuser Kuratorin Karin Fritzsche notierte sich ein A mit "+++" dahinter. A steht in der Kürzelsprache der Kommission für definitiv festivalwürdige Filme, B für "im Blick behalten", C für "nein".

Die Lausitzer (Kurz)Filmfans können sich schon einmal freuen auf das 23. Festival des osteuropäischen Films, das vom 5. bis 10. November wieder in Cottbus stattfindet.

Ganz altmodisch materiell

Für die Sichtung der Kurzfilme (die Auswahl der Langspielfilme erfolgte ein paar Tage früher an einem anderen Ort) hat sich Karin Fritzsche mit den beiden Medienwissenschaftlern Christiane Grün und Jaroslaw Godlewski in einer Westberliner Altbauwohnung getroffen. Im Gepäck hatten die drei insgesamt 176 Kurzfilme, und zwar noch ganz altmodisch materiell, nicht bloß auf einer Notebook-Festplatte oder einem USB-Stick. Jeder Film lagerte auf einer säuberlich beschrifteten und verpackten DVD, und die 176 DVDs waren in gelben, tragbaren Postkisten sortiert.

Aus diesen Postkisten wollten die drei Filmexperten für die Kurzfilmsektion des Cottbuser Wettbewerbs "die zehn, zwölf besten herausfischen". Keine leichte und vor allem keine schnelle Aufgabe. Das Kurzfilmgenre tendiere derzeit zu mehr Länge, berichten sie. Auch Zwanzigminüter seien keine Seltenheit. Wenn man durchschnittlich zehn Minuten pro Werk rechnet, bedeuten 176 Filme rund 30 Stunden Anschauungsmaterial. So viel Zeit hat die Auswahlkommission nicht. "Es werden nicht alle Filme bis zum Ende geguckt", räumt Christiane Grün ein.

Zwei lange Tage, von morgens um 10 Uhr bis abends um 11 Uhr, investieren die Kommissionsmitglieder in die gemeinsame Sichtung. Das Sechs-Augen-Prinzip ist ihnen wichtig, um zu ausgewogenen Urteilen zu kommen, unabhängig vom individuellen Geschmack.

Um den Überblick und die Erinnerung an das Gesehene und die eigene Meinung dazu zu behalten, notiert sich jeder Stichworte in einer vorbereiteten Tabelle. Christiane Grün schreibt etwa: "Sympathisch, aber harmlos und unlogisch, könnte man um zehn Minuten kürzen." Das ist ein eher negativer Kommentar. Bei Filmen, die ihr gefallen, heißt es zum Beispiel: "plötzliches Ende", "beiläufig erzählt", was beides positiv gemeint ist, oder "leicht absurd, der hustende Fisch, nett, offen, sympathisch".

Ansonsten unterscheidet sich die Filmsichtung äußerlich nicht von einem gewöhnlichen Fernsehabend. Es stehen Knabbereien auf dem Tisch, Alkohol gibt es allerdings nicht.

Selbst aktiv auf der Suche

Mindestens so wichtig wie dieser Filmmarathon ist die Vorauswahl. Karin Fritzsche und ihre Kollegen beschränken sich nämlich nicht darauf, auf Filmangebote für das Festival zu warten und diese dann zu begutachten. Sie machen sich selbst aktiv auf die Suche nach den interessantesten Kurzfilmen des Jahrgangs und besuchen dafür regelmäßig andere internationale Festivals.

Und schließlich ist noch ein wichtiges Kriterium zu berücksichtigen: das Herkunftsland der Filme. "Unser Ziel ist, dass möglichst viele osteuropäische Länder mit qualitätsvollen Beiträgen in der Sektion vertreten sind", erklärt Karin Fritzsche. Was im Umkehrschluss auch heißt, dass manche sehr sehenswerte Arbeit es nicht auf das Cottbuser Festival schafft, wenn sie aus einem Land stammt, wo die Konkurrenz an guten Filmen sehr groß ist.

Dass sich die Mühe der Auswahl auch bei den Kurzfilmen lohnt, die ja in der öffentlichen Resonanz immer im Schatten der langen Spielfilme stehen, davon ist Karin Fritzsche überzeugt. "Wir haben in Cottbus in der Kurzfilmsektion ein tolles Publikum, da gibt es oft Szenenapplaus", schwärmt sie.