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| 10:47 Uhr

Das Unglück einfach weglachen

"Lieber leben" ist eine anrührende Buddy-Komödie aus der Reha-Klinik. Renée Wieder

Es war ein dämlicher Kopfsprung in einen fast leeren Pool. Nachts, auf einer Party. Danach wacht Student und Sport-Ass Benjamin (Pablo Pauly) fast vollständig gelähmt im Krankenhaus auf. Bewegen kann er nur noch den Kopf und eine Hand. Auch als sie ihn später in die Reha-Klinik karren, wird das nur wenig besser. Benjamin soll sich schon freuen, als er es in eine sitzende Position im Rollstuhl schafft. Obwohl die Reha mit der Zeit Erfolge bringt, einige davon unwahrscheinlich, wird er immer beeinträchtigt bleiben. Trotzdem nimmt Benjamin den Klinikalltag mit seinem optimistischen Naturell und viel Humor, zwei Schätzen, die er aus dem alten Ich ins neue hinüberretten konnte. Zudem hat er die richtigen Leidensgenossen zur Gesellschaft. Seine Mitpatienten Farid (Soufiane Guerrab), Toussaint (Moussa Mansaly) und Steve (Franck Falise), die sich angewöhnt haben, Unglück wegzulachen. Und da ist die hübsche, traurige Samia (Nailia Harzoune), die nach einem Selbstmordversuch auch im Rollstuhl sitzt.

Der Poetry Slammer Fabien Marsaud ist in der französischen HipHop-Szene unter dem Künstlernamen Grand Corps Malade (zu deutsch "großer kranker Körper") bekannt. Gemeinsam mit Mehdi Idir führte Marsaud Regie, von ihm stammt auch das Drehbuch zum Film. Benjamins Leidensweg unterscheidet sich nicht so sehr von Marsauds eigenem. Nach einem missglückten Schwimmbadsprung im Jahr 1997 vom Unterleib abwärts gelähmt, musste Marsaud sich selbst in einem langwierigen Reha-Prozess wieder auf die Füße kämpfen. Bis heute geht er am Stock, es ist sein Markenzeichen geworden.

Wenn man das weiß, fasziniert einen der lebensbejahende Ton seiner Tragikomödie besonders. "Lieber leben" erinnert in Humordingen mehr als einmal an "Ziemlich beste Freunde". Etwa wenn Benjamin unter Aufsicht einer Krankenschwester in eine Flasche pinkeln soll, sich über seine Stützstrümpfe entsetzt und dem plump quasselnden Pfleger aus der Frühschicht fassungslos ins Gesicht starrt.

Benjamin, dem früher alles leicht fiel und der nichts schwer nahm, ist neu in der Welt der Außenseiter und Vergessenen. Wie alle anderen in der Klinik hat Benjamin nun vor allem zu entscheiden, ob er Opfer bleiben will oder den unbequemeren Weg gehen, der aus Trotz gebaut wird und Arbeit. Es braucht die selbstverständliche Situationskomik des Drehbuchs und den Charme des jungen Ensembles, um so viel schweres Schicksal leicht und unterhaltsam zu machen. "Lieber leben" hat meist das angenehme Feeling einer Buddy-Komödie, ohne den Respekt vor der Welt zu verraten, die sie zeigt. Und der Film schafft ganz sicher, was er wollte: Man nimmt die Menschen in diesem Film ganz und gar wahr. Ihre Krücken und Rollstühle irgendwann nicht mehr.