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Das Streben nach Perfektion

Ivo Hentschel bei einer Spielplanpräsentation im Branitzer Park. Nach drei Jahren am Cottbuser Theater führt ihn sein Weg nun nach Berlin.
Ivo Hentschel bei einer Spielplanpräsentation im Branitzer Park. Nach drei Jahren am Cottbuser Theater führt ihn sein Weg nun nach Berlin. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Das Cottbuser Staatstheater verliert zum Ende der Spielzeit 2016/2017 seinen 1. Kapellmeister, die Komische Oper in Berlin gewinnt ihn ab der neuen Spielzeit hinzu. Rüdiger Hofmann

Drei Jahre lang verstärkte Ivo Hentschel die Theatermannschaft unter Generalmusikdirektor Evan Christ. Was bleibt, sind die Erinnerungen an außergewöhnliche Opern-Inszenierungen und wundervolle Philharmonische Konzerte. Und die Erinnerung an einen akribisch arbeitenden Dirigenten und Musiker.

"Das ist die richtige Stelle im richtigen Haus zur richtigen Zeit", sagt Ivo Hentschel zum bevorstehenden Wechsel. Als Künstler müsse man sich regelmäßig weiterentwickeln, nach drei Jahren in Cottbus sei es an der Zeit, neue Herausforderungen anzunehmen. "Auch wenn ich liebend gerne noch zwei oder drei Jahre in der Lausitz geblieben wäre, bietet sich die Möglichkeit zu einer neuen Perspektive genau jetzt", sagt Hentschel.

Ursprünglich kam der in Ostfildern geborene und in der Nähe von Stuttgart aufgewachsene Musiker vom Theater in Hof, wo er rund 13 Monate als Stellvertreter des Musikdirektors und ebenfalls 1. Kapellmeister tätig war. Nach einer Anfrage von Evan Christ vor drei Jahren erschien er zum Vordirigieren in Cottbus und bekam die Stelle. Dabei spart er nicht an Lob, wenn er an die vergangene Zeit - seine Zeit - am Staatstheater zurückdenkt. Bis jetzt das größte Haus, an dem er tätig war. "Ich konnte mit einem hervorragenden Sängerensemble zusammenarbeiten", so Hentschel. Schätzungsweise rund 150 Vorstellungen aus den verschiedensten Stilrichtungen und Epochen hat er präsentiert. Nahezu das gesamte Repertoire im Großen Haus hat er dirigiert, darunter Werke wie Tosca, La Traviata, Hoffmanns Erzählungen, Carmen, Donizettis "La Favorite", Mozarts "Die Entführung aus dem Serail", Händels "Alcina" sowie Kálmáns "Gräfin Mariza", Jule Stynes Musical "Sugar" und Philharmonische Konzerte. In der aktuellen Spielzeit 2016/2017 folgten dann noch Puccinis "Turandot", "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" von Kurt Weill sowie Humperdincks "Hänsel und Gretel" und Offenbachs "Ritter Blaubart".

"Jede Vorstellung war immer wieder eine neue Kommunikation mit dem Orchester", so der 41-Jährige. Auf eben diese Kommunikation legt Hentschel akribisch Wert. Das Besondere sei dabei die Vielschichtigkeit. "Wie ein Spezialist arbeiten zu können und sich doch auf vielen Gebieten gleichermaßen auszukennen", sagt Hentschel. Dabei wird schnell klar, was für ihn das Spannendste am Dirigieren sei. "Dirigieren ist für mich eine Lebensaufgabe. Die Kommunikation zwischen Solisten, dem Komponisten als Urheber des Werkes und dem Orchester ist das Entscheidende. Im besten Fall steht der Dirigent genau dazwischen", sagt Hentschel. Wie ein lebender Organismus, der sich immer weiterentwickelt. "Diese Entwicklung muss aber einer koordinieren, damit es nicht in zu viele verschiedene Richtungen geht", so der Dirigent.

Hentschel weiß, wovon er spricht. Er stammt aus einer musikaffinen Familie, sein Großvater liebte Opern. Bis 2007 studierte Hentschel Klavier und Dirigieren an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim. Erste Engagements führten ihn zum Jungen Musiktheater Hamburg und an das Theater Heidelberg. Dort bleibt er von 2007 bis 2013 als Dirigent und Korrepetitor, bevor der Wechsel nach Hof erfolgt. Im gleichen Jahr wird er Sonderpreisträger des Deutschen Dirigentenpreises.

"Wichtig für mich ist, einen Komponisten und sein Werk exakt zu kennen, um dann auf dieser Basis aus dem Bauch heraus jeden Musikerabend besonders werden zu lassen", sagt Ivo Hentschel. Dabei gehe es ihm immer um den tieferen Sinn der Musik, um den inhaltlichen Hintergrund, nicht aber um reine Effekthascherei. Eine fundierte Vorbereitung auf jeden Konzertabend sei dazu nötig. Es ist das Streben nach Perfektion.

Doch was hört ein moderner Dirigent, der Cello und Klavier beherrscht und täglich die klassischen Welten durchlebt, eigentlich privat für Musik? "Zu DDR-Zeiten bin ich am Mischpult zu Rockbands aufgewachsen", denkt Hentschel zurück. Inzwischen hört er alles querbeet von Hardrock bis Punk. Gute Musik müsse emotional bewegen, einen vom Klang her packen und eine handwerkliche Komponente aufweisen. "Eine Sache sagt mir aber gar nichts: Schlagermusik. Da bin ich dann raus!"

Zum Thema:
Es gibt noch einmal die Gelegenheit, Ivo Hentschel live und in Farbe zu erleben. So übernimmt er am Freitag, 30. Juni, die Leitung des Konzerts junger Künstler, das um 19 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters ausgetragen wird. Die Konzertreihe kann auf eine fast 20-jährige Tradition blicken. Einmal mit den Profis des Philharmonischen Orchesters auf der Bühne stehen, wird für die besten Schülersolisten des Konservatoriums wahr. Einen Tag später, am Samstag, 1. Juli, dirigiert Ivo Hentschel die Oper "La Favorite". Sie wird ein letztes Mal aufgeführt.