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| 16:56 Uhr

„Freischütz“-Variation
Richtig große Oper: Das Publikum jubelt

 Klasse: „The Black Rider“ am Staatstheater Cottbus. 
Klasse: „The Black Rider“ am Staatstheater Cottbus.  FOTO: Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Das Staatstheater Cottbus feiert mit „The Black Rider. The Casting of the Magic Bullets“ seine erste Premiere in der neuen Spielzeit Von Irene Constantin

Vier Millionen D-Mark hat die Uraufführung von „The Black Rider“ vor 30 Jahren am Hamburger Thalia-Theater gekostet. Die sparsame Hausfrau im Cottbuser Zuschauerraum hofft still, dass das Staatstheater nicht so viel gebraucht hat. Obwohl, es hat geblitzt und geraucht, eine mannsgroße Kuckucksuhr musste gebaut werden (Schweizer Uhrwerk?) und eine tausendjährige Eiche flog einfach auseinander – billig sah es keinesfalls aus, was Bühnenbildner Malte Kreutzfeldt dem Auge an Kulinarischem bietet. Das war aber längst nicht alles für keine vier Millionen. Es gab auch fliegende Menschen, schiere Wunder, denn sie konnten kopfunter hängend sogar singen und jodeln. Auch flatterte ein lebendiger Uhu und eine Säge sang. Regisseur Malte Kreutzfeldt und der musikalische Leiter Hans Petith haben Einiges aufgeboten, damit ein erfolgreiches „Casting oft the Magic Bullets“, dem Opernfreund als „Freikugelgießen“ bekannt, stattfinden konnte.

Im „Black Rider“ sieht man, was drei amerikanische Künstler aus derselben Gespenstergeschichte gemacht haben, die Carl Maria von Webers „Freischütz“ zugrunde liegt. Bei Weber wimmelt das Volk im Guten wie im Bösen um die Hauptpersonen herum und alles findet zum mittelmäßig glücklichen Ende. Bei Tom Waits, William Burroughs und Robert Wilson gibt es ein tragisches Kammerspiel. Der junge Amtsschreiber Wilhelm sieht gut aus, hat aber vor allem eine poetisch empfindsame Seele. Försterstochter Käthchens Herz gehört ihm. Vor dem stinkenden Grobian Robert ekelt sie sich. Den aber soll sie nach Vaters Willen heiraten. Robert versteht was von der Jägerei und ist überhaupt kernig und wird beim Probeschuss nicht danebenschießen. Rettung verspricht der Teufel Stelzfuß mit seinen Freikugeln. „Sechse treffen, sieben äffen“, so kennt man es, so kommt es auch hier. Wilhelm hat plötzlich Jagderfolg, die Erbförsterseltern sind froh, dass in Käthchens künftiger Ehe Liebe und Jagderfolg zusammengehen werden. Dann der Probeschuss und Käthchen ist tot. Malte Kreutzfelds Szenerie dazu wie ein Bildnis von Edward Hopper. Alle sind schon vor dem fatalen Schuss innerlich gestorben.

Im „Freischütz“ vom Anfang des 19. Jahrhunderts ist ein Jahr Warten auf die Hochzeit die Strafe für den Teufelspakt; die amerikanischen Autoren am Ende des 20., besonders William Burroughs, kennen einen anderen Preis. Heroin. Der Stoff gaukelt Allmacht und Erfolge vor, bevor er tötet. Stelzfuß ist der Dealer – beziehungsweise die Dealerin.

Sigrun Fischer als Teufelin. Elegante Dämonie, die im Augenblick anfangen kann, mit Stimme und Körper zu kreischen. Sie singt und klackert mit den Steptanzschuhen und erschießt den Drummer, der ihr in den Rhythmus fährt. Das kühl-geschäftige Spiel, der hervorragende Gesang, der körperlich-gestische Ausdruck: Präzision vom ersten bis zum letzten Moment. Alles wichtig für den Teufel, emotionale Regungen, gar Empathie muss er nicht zeigen. Ein Seelchen dagegen ist Wilhelm, der Schreiber mit den „Lilienhänden“. Formbar und verliebt ist er der ideale Teufelsbraten. Der junge Markus Paul zeigt, wie einer allmählich „verteufelt“. Zuerst flattert die Seele in verliebter Hoffnungslosigkeit, er singt ein Lied, wie es Tony in der „Westsidestory“ nicht besser könnte. Dann gewinnt er langsam Geschmack am Blutdunst der Jagd, irgendwann schlottert er im Entzug, bis er am Kreuzweg die Teufelskugel gewinnt, die Braut tötet und zusammenbricht. Paul spielt das sehr innig, mit buchstäblich offener Brust gegen die Teufelskälte. Thomas Harms ist der coole Kuckucks-Entertainer Kuno. Mit seiner Probeschuss-Forderung setzt er die Handlung in Gang und lässt die arme Förstersfamilie wie ein diabolischer Puppenspieler am Faden tanzen. Jugendlich lieblich das Käthchen Maxine Kazis‘. Im Gegensatz zu Webers Agathe bleibt sie ganz passiver Mittelpunkt des schwarzen Spiels.

Da alle beteiligten Cottbuser Schauspieler mittelgut bis ausgezeichnet singen können, ist die Entscheidung, das Stück dem Schauspielerensemble zu geben, eine sehr glückliche. Das präzise Spiel, das weder Musical-Profis noch Opernsänger so können, gab dem schwarzen Humor des Stücks die unterhaltsame Schärfe. Der virtuose Umgang mit der deutsch-englisch-„denglischen“ Sprachmischung tat ein Übriges. Das gute Dutzend Instrumente wurde virtuos und sehr „sprechend“ gehandhabt. Die enorme musikalische Vielfalt der Tom-Waits-Songs vom rockigen Jazz über schwarzgefärbte Volkslieder, Tango bis zum schrägen Walzer bekam ihre Farben von der Band – richtig große Oper!. Das Publikum jubelte, und alle Beteiligten hatten es verdient.

 Klasse: „The Black Rider“ am Staatstheater Cottbus. 
Klasse: „The Black Rider“ am Staatstheater Cottbus.  FOTO: Marlies Kross/Theaterfotografin