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| 18:28 Uhr

Ballett
Hintergründiges Tanzstück

Die große Bühne im Staatstheater Cottbus ist  zu einem bunten Wunderland geworden.
Die große Bühne im Staatstheater Cottbus ist zu einem bunten Wunderland geworden. FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross
Cottbus. Nach einem Buch für Kinder: Das Staatstheater Cottbus begleitet launig „Alice im Wunderland“ Von Volkmar Draeger

Nun ist auch die große Bühne im Staatstheater Cottbus zum Wunderland geworden, in dem die kleine Alice ihre sonderbaren Abenteuer erlebt. Zum Leben erweckt wurde sie von Torsten Händler, der schon mehrfach für die Tanzcompagnie choreografiert hat. Die Geschichte von Alice, die durch einen Kaninchenbau in die Fremde fällt, dort aberwitzige Bewohner trifft und von der verrückten Herzkönigin um ein Haar geköpft wurde, gehört seit dem Erscheinen von Lewis Carrolls Buch 1865 weltweit zu den beliebtesten Kinderbüchern.

Wohl wegen der ungebremsten Fantasie des Autors: Als Mathematiker und Geistlicher stellt er die Logik gehörig auf den Kopf, macht vor satirischen Seitenhieben aufs viktorianische Zeitalter und selbst vor den Menschen seiner Umgebung nicht halt.

Das reizt bei der Inszenierung zu einer freien, eigenen Lesart, die nicht auf die Tricks etwa des Films zurückgreifen kann. Er, Comic und sogar Manga haben von dem Sujet Gebrauch gemacht – auf der Bühne ist die Begegnung am lebendigsten.

Fürs Staatstheater hat Händler die Handlung mit einem sinnreichen Rahmen versehen. Die gealterte Alice sammelt eingangs auf der Vorbühne Brummkreisel ein. Ihre Kindheit ist vorbei, lebt in der Erinnerung indes nochmals auf. Als Mädchen kriecht sie unter eine Kiste, sichtbar werden durch den Vorhang die Figuren des späteren Traumspiels; das weiße Kaninchen krabbelt gar unterm Stoff hervor, hin zu seinem Bau, jener Kiste. Auch die übrigen Figuren führen sich ein. Näher kommen sich durch Tanz die neugierige Alice und das akrobatisch wendige Kaninchen. Als es die Wände seines Baus aufklappt, wird er in Miniatur ein weißes Zauberreich; als das Kaninchen unterm Vorhang entschwindet, fällt der auf die nacheilende Alice, und die Verwandlung beginnt.

Beim Erwachen steht sie vor sechs Türen, bewacht von sechs Typen, die sie umgarnen. Erst muss sie aus einer großen Flasche trinken, damit sich die neue Welt öffnet. Und die schaut aus wie der geklappte, nun bühnenhohe Kaninchenbau, mit einem aufgemalten Labyrinth schwarzweißer Kringel und Gesichtern darin. Zwei dicke Portiers verwickeln sie in ein witziges Trio; die rauchende Raupe kriecht die Wand herunter und versprüht Nebel; die Grinsekatze lässt Alice magisch ihren Schatten erkennen; Herz-, Kreuz-, Pik- und Karobube umwerben sie mit viel Tanz. Alices Herz aber schlägt rasch für den Herzbuben, mit dem sie ein liebevolles Duett vereint. Die erste starke Gefühlsregung zerstört eifersüchtig das Kaninchen. Der Bube hat ihr aber bereits einen Teil seines Herzens geschenkt.

Ehe Alice aus ihrem Traum zurückkehren kann, muss sie noch die Hölle der Herzkönigin überstehen. Die ist hier eine verzickte Drag Queen, in deren Gewalt sich auch Hutmacher, Märzhase, Haselmaus und Henker befinden. Alice wehrt sich mutig und siegt, indem sie mit dem Herzbuben die Bösen in ihr Reich einsperrt. Mit dem Buben hat sie zuvor den wohl schönsten, zärtlichsten Pas de deux des Abends, zu traumverlorenem Klavierspiel. Doch auch er war nur ein Phantom ihrer Entwicklung vom Mädchen zur Frau. Neben dem älteren Double sieht sie nochmals einem revuehaften Tanz der Traumfiguren zu. Sie setzen die Brummkreisel in Gang und entweichen in ihre Welt. Das Herz des Buben aber bleibt Alice in Händen.

Torsten Händler wäre nicht der gewiefte Spezialist für Skurriles, würde er die originale Story nicht nochmals gegen den Stich bürsten, der eigenen Fantasie die Zügel lösen und auch auf die Fantasie des Publikums setzen. Die Musikauswahl, alles vom Band, unterstreicht den aufs Heute zielenden Tanz. Eigenkompositionen und Geliehenes fügt Steffan Claußner zu einer Collage von Mambo bis zu Yma Sumacs Stimmakrobatik. In Leonie Mohrs und Hannes Hartmanns betont greller Ausstattung laufen Venira Welijans Alice, Stefan Kulhawecs Herzbube, Jhonatan Arias Gomez‘ Kaninchen zu Hochform auf. Die frisch ernannte Ballettcompagnie des Hauses, verstärkt durch Gäste und Kinder der Ballettschule Werhun, wurde verdient begeistert gefeiert.