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Das Spektakuläre im betont Unspektakulären

Wolfgang Mattheuer: „Das große Grinsen“ , 1967, Holzschnitt, 35 x 43 cm.
Wolfgang Mattheuer: „Das große Grinsen“ , 1967, Holzschnitt, 35 x 43 cm. FOTO: Repro: pr
Wer vieles bringt, wird Manchem etwas bringen. Und jeder geht zufrieden aus dem Haus. Diese Goethe-Worte aus dem Faust-Vorspiel könnte man auch dem „Sommersalon“ in der Galerie am Gendarmenmarkt voranstellen. Auf gedrängtem Raum haben sich dort über 23 Künstler/-innen ein Stelldichein gegeben. Von Albert Jaritz

Der Reiz dieses gut zusammengestellten "Ragouts" liegt in der Verschiedenheit der Sujets, der Formensprache und des künstlerischen Werdegangs. Einiges allerdings zieht sich wie ein roter Faden durch alle ausgestellten Arbeiten: das gegenständliche Formenspiel und der direkte oder indirekte Bezug zur durchlebten und auch durchlittenen Zeit in den Brüchen des 20. Jahrhunderts. Das ist das Spektakuläre im betont Unspektakulären dieser Schau.
Und noch etwas Wesentliches will die Galerie verdeutlichen: ihr Profil, von der Malerei über Grafik bis zur Bildhauerei. Damit besinnt sie sich auf eine Tradition, die im 19. Jahrhundert als "Berliner Bildhauerschule" in die Kunstgeschichte einging und bis in das letzte Jahrhundert hinein wirkte.
Aufmerksamkeit wird auch jener Generation von Künstlern entgegengebracht, "die in der Zeit des Nationalsozialismus in die Emigration getrieben und danach entweder infolge des Diktats der Gegenstandslosigkeit oder des Dogmas des Sozialistischen Realismus nicht die ihrem künstlerischen Rang entsprechende Anerkennung fanden", wird in der Ankündigung betont.
Was unter diesen Gesichtspunkten gezeigt wird, ist beachtlich. Protagonisten des ersten "Sommersalons" seit Gründung der Galerie Ende 2004 sind unter anderen Rolf Berger, Wieland Förster, Rene Graetz, Albert Hennig, Ingeborg Hunzinger, Carl Marx, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte, Veronika Wagner und Hans Wimmer. Alles kommt aus eigenen Beständen.
Der Maler Hermann Bachmann (1922-1995), den besonders in der Zeit des Formalismusstreits eine enge Künstlerfreundschaft mit Willi Sitte verband, besticht mit seinen auf wenige Striche reduzierten Menschendarstellungen auf Karton. "Kain und Abel" (Öl, 1954), der in Grautönen gehaltene "Sitzende auf blauem Stuhl" (Öl, 1966) oder "Hampels Tussi" (Acryl, 1984) variieren in beeindruckender Weise existenzielle Fragen unseres Daseins. Gerhard Marcks (1889-1981), der neben Ernst Barlach, Georg Kolbe und Wilhelm Lehmbruck zu den wichtigsten deutschen Bildhauern des 20. Jahrhunderts zählt und dessen Skulpturen als Inbegriff einer aus klassischen Traditionen schöpfenden und zugleich modernen Formensprache gelten, ist mit der anmutigen Bronze "Torso Betula" (1938) vertreten.
Herzerfrischend sind die Alltagsmotive des in Halle an der Saale geborenen Albert Ebert (1906-1976), der erst als 40-Jähriger nach Kriegsheimkehr zu malen begann, als fast Sechzigjähriger die Technik der Lithographie erlernte und sie in seinem letzten Lebensjahrzehnt zu einer sprudelnden Quelle des Experimentierens machte. Man erlebt die freudige "Erwartung der Gäste", das zottige Gammlerpaar und die korpulente "Sängerin", die vom Piano begleitet dem Irdischen entrückt das Publikum zu beglücken gedenkt.
Beachtung finden auch die unterkühlten Sichten der in Berlin-Pankow lebenden Grafikerin Ursula Strozynski und des von dort wieder in seine Geburtsstadt Potsdam zurückgekehrten Lithographen Manfred Butzmann. Beide haben in unverwechselbarer Weise in leeren Hinterhöfen, Industrieanlagen und Vorstadtlandschaften, an Giebelwänden, Bahndämmen, Fassaden eine urbane Poetik entdeckt und sie mit ungewöhnlich ästhetischem Reiz aufs Papier gezaubert.
("Sommersalon 2008", Galerie am Gendarmenmarkt, Taubenstraße 20, Berlin-Mitte, bis 31.August, Di- So 14-20 Uhr, Tel. 030/206 484 17)