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Das Singen im Gefängnis war verboten

Bei der Vorstellung des "Fidelio"-Projektes in der Brandenburgischen Landesvertretung: der Geschäftsführende Direktor der Cottbuser Kulturstiftung, Martin Roeder, Staatstheater-Intendant Martin Schüler, die Menschenrechtszentrums-Vorsitzende Sylvia Wähling und der Zeitzeuge Gabriel Berger (v.l.).
Bei der Vorstellung des "Fidelio"-Projektes in der Brandenburgischen Landesvertretung: der Geschäftsführende Direktor der Cottbuser Kulturstiftung, Martin Roeder, Staatstheater-Intendant Martin Schüler, die Menschenrechtszentrums-Vorsitzende Sylvia Wähling und der Zeitzeuge Gabriel Berger (v.l.). FOTO: Enzian/fen1
Berlin. Im ehemaligen Zuchthaus Cottbus, dem größten politischen Gefängnis der DDR, führt das Staatstheater Cottbus Beethovens Freiheitsoper "Fidelio" auf. Operntenor Craig Bermingham, der frühere Häftling Gabriel Berger und Regisseur Martin Schüler stimmten in Berlin auf die ungewöhnliche Inszenierung im Sommer 2014 ein. Felix Johannes Enzian / fen1

Wie aufwühlend es wirkt, hochklassigen Operngesang an einem dafür nicht bestimmten Ort zu hören, führt Craig Bermingham in der brandenburgischen Landesvertretung in der Hauptstadt vor. Seine Stimme braucht kein Mikrofon. Sie lässt das drei Stockwerke hohe Foyer schier bersten vor Klang und Emotion. "Gott, welch Dunkel hier! O grauenvolle Stille! Öd ist es um mich her, nichts, nichts lebet außer mir."

Schon bei seinen ersten Worten als Florestan ist man in den Kerker versetzt. Man fühlt die Verzweiflung des Eingesperrten und liest auch im ausdrucksvollen Mienenspiel des Tenors, wie Sehnsucht und Hoffnung in einer Fiebervision aufsteigen: "Ich seh, wie ein Engel im rosigen Duft sich tröstend zur Seite, zur Seite mir stellet, ein Engel, Leonoren, Leonoren, Leonoren, der Gattin so gleich, der, der führt mich zur Freiheit ins himmlische Reich." Beethovens einzige Oper "Fidelio" (die letzte Fassung stammt von 1814) handelt von der widerrechtlichen Gefangenschaft Florestans in einem Staatsgefängnis. Er erhält Hilfe von seiner Frau Leonore, die sich als Kerkergehilfe Fidelio verkleidet, und wird schließlich vom Minister Don Fernando befreit.

Gabriel Berger hat in der Wirklichkeit erlebt, wie es ist, als politischer Gefangener eingeschlossen zu sein. Er hatte in den 70er-Jahren in der DDR provokativ die Einhaltung der Menschenrechte eingefordert und daraufhin ein Jahr in Haft verbringen müssen, überwiegend im Zuchthaus Cottbus, wo vor allem oppositionelle Künstler, Intellektuelle und Schriftsteller einsaßen.

In nachdenklichem Ton berichtet der Zeitzeuge: "Politische Häftlinge wurden noch schlechter behandelt als Kriminelle - das war die übliche Praxis in der DDR. Und Singen im Gefängnis war verboten."

Ein großes Freiheitsfest

Das ehemalige Zuchthaus an der Bautzener Straße befindet sich seit 2011 im Besitz des Vereins Menschenrechtszentrum Cottbus e. V., in dem sich ehemalige politische Gefangene zusammengeschlossen haben, unter ihnen Gabriel Berger. Sie haben es in eine Erinnerungsstätte umgewandelt. "Dass ich das noch erlebe, hätte ich nie für möglich gehalten", sagt Berger.

Die Gedenkstättenleiterin Sylvia Wähling hat gegenüber dem Staatstheater-Intendanten Martin Schüler das Opernprojekt zwischen den ehemaligen Gefängnismauern angeregt. Die Premiere ist als Höhepunkt für ein großes "Freiheits- und Demokratiefest" am 28. Juni 2014 geplant. "Ich wusste sofort, das muss ,Fidelio' sein", erzählt Martin Schüler begeistert. Er wird bei der Inszenierung selbst Regie führen.

Beethovens Freiheitsoper sei in der DDR wesentlich häufiger gespielt worden als heute, erinnert sich der Theatermacher.

Im Wendeherbst 1989 hatte sie eine durchschlagend aktuelle Brisanz, als Regisseurin Christine Mielitz den berühmten Gefangenenchor in Alltagskleidung auf die Bühne schickte, als zöge er gleich weiter zur Demonstration auf die Straße. Das Publikum unterbrach mit Ovationen die Vorstellung.

Mauern bilden die Kulisse

Martin Schüler will "Fidelio" im ehemaligen Cottbuser Zuchthaus nun in der am Staatstheater für große Opern bewährten semiszenischen Spielweise aufführen. Das heißt: Das Orchester musiziert sichtbar auf der Bühne. Die Sänger und Sängerinnen spielen nur andeutungsweise die Handlung. Es gibt kein künstliches Bühnenbild.

Stattdessen bildet diesmal die historische Wirklichkeit, bilden die Mauern und Gitter des ehemaligen Gefängnishofes die denkbar eindrucksvollste Kulisse für diese Oper.

Entscheidend für die Freiluft-Inszenierung sei "die Qualität der Tonverstärkung", erklärt Martin Schüler. Um den technischen Aufwand zu finanzieren, wird das Projekt unter anderem mit 270 000 Euro der Kulturstiftung des Bundes gefördert, berichtet Sylvia Wähling.

Neben Craig Bermingham, der in Cottbus als Siegfried in der "Götterdämmerung" sein Debüt gab, wird die weltweit renommierte Sopranistin Janice Baird die Rolle von Fidelio beziehungsweise Leonore singen.

Nach der Premiere sind sechs weitere Aufführungen in den ersten Julitagen 2014 angesetzt. Die Karten zu Preisen zwischen 19 und 69 Euro sind bereits am Staatstheater Cottbus erhältlich. Ein Besuch in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus lohnt sich allerdings schon eher. Am 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, wird sie im Beisein von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) um 10.30 Uhr eröffnet. Zugleich startet dort die Dauerausstellung "Karierte Wolken - politische Haft im Zuchthaus Cottbus 1933-1989". Sie schildert den Haftalltag im Nationalsozialismus und in der DDR und stellt die Lebensgeschichten von 28 Gefangenen dar. Premiere: Samstag, 28. Juni, 2014, 20.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 2., 4., 5., 9., 11. und 12. Juli 2014, jeweils 21 Uhr.

Die Ausstellung in der Gedenkstätte ist für Besucher des "Fidelio" zusätzlich zu den üblichen Öffnungszeiten an Vorstellungstagen bis eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet. Besucher der "Fidelio"-Aufführungen erhalten ermäßigten Eintritt.

Das ehemalige Zuchthaus Cottbus als Bühnenmodell.
Das ehemalige Zuchthaus Cottbus als Bühnenmodell. FOTO: Enzian/fen1