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Das Schreiben war ihr Refugium

Cottbus. Ihren 85. Geburtstag am 18. März konnte Christa Wolf (1929 – 2011) nicht mehr feiern. In der Literatur aber bleibt sie präsent. Gleich drei Bücher sorgen derzeit für anregenden Lesestoff, der Hoffnungen und Verletzungen der Schriftstellerin lebendig werden lässt. Ida Kretzschmar

Etwa 25 Jahre alt ist Jana Simon, als sie beginnt, ihre Großeltern über die Vergangenheit zu befragen. Es geht um die Familie, um die Zeit des Nationalsozialismus und die DDR. Sie sprechen über das politische Engagement des Schriftstellerpaars Christa und Gerhard Wolf sowie über verlorene Freundschaften und Verrat. Und es geht um das Schreiben, das Glück und Unglück im neuen vereinten Land. Die Journalistin Jana Simon wird mit ihrem Buch "Sei dennoch unverzagt", das im Ullstein-Verlag erschien, während ihrer Lesereise am 14. Mai auch in Cottbus sein. Dabei wird sicher auch die jahrzehntelange Liebe des Ehepaars Wolf eine Rolle spielen.

Dieser besonderen Beziehung ist auch das Buch von Sonja Hilzinger: "Christa und Gerhard Wolf - Gemeinsam gelebte Zeit" gewidmet. Sehr detailreich verrät es intensive wissenschaftliche Recherche, wobei sie sich auf persönliche Gespräche, aber auch auf viele authentische Originalquellen stützen kann, zum Beispiel Tagebuchaufzeichnungen von Christa Wolf. Bekanntlich beschrieb diese jahrzehntelang einen Tag im Jahr, der gleichsam zum Brennglas für das politische und private Geschehen wurde. Mehr als 60 Jahre lebten Christa und Gerhard Wolf zusammen, umgeben von einer großen Familie und einem weitverzweigten Freundeskreis. In dieser Doppelbiografie offenbart sich, wie seine Heiterkeit ihre Ernsthaftigkeit in wunderbarer Weise ergänzt. "Ihre enge Bindung blieb die letzte gemeinsame Utopie" konstatiert Hilzinger: "Ohne einander wären sie andere Menschen." Gerhard Wolf, der sich in der Rolle des "Entwicklungshelfers" wohlfühlt und nicht nach seinem Anteil fragt, sondern nach dem Gelingen, wusste immer: "Das Schreiben war ihr Refugium". Ein Rückzugsort, in dem sie zu sich selbst fand, ihre Hoffnungen vorbehaltlos lebte und ihre Niederlagen verarbeitete. Ihre geplatzte "Illusion von einem ganz anderen Land" nahm sie sich zu Herzen wie auch die harschen Kritiken zu ihren Büchern. Besonders, nachdem sie ihre Unterschriften gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann gesetzt hatten. Damals wurden sie zu offiziellen Lesungen nicht mehr eingeladen. Hoyerswerda bot Christa Wolf dennoch die Möglichkeit, aus ihren "Kindheitsmustern" zu lesen, ist bei Hilzinger zu erfahren.

Gerhard Wolf, der Schriftstellerkollege und Lektor, schützte und stützte sie, als sie zu einer weltberühmten Schriftstellerin wurde und auch, als sie nach der Wende plötzlich als "Staatsdichterin" diffamiert wurde.

"Kindheitsmuster" aber blieb ihr Lebensthema. Eine Vorarbeit zu diesem Roman ist jetzt bei Suhrkamp erschienen. Auch hier hat ihr Ehemann seine Hände im Spiel: Kurz vor ihrem 85. Geburtstag veröffentlichte er die autobiografische Erzählung "Nachruf auf Lebende. Die Flucht" aus dem Nachlass. Darin will die 15-jährige Ich-Erzählerin die Flucht aus ihrer Heimat an einem bitterkalten Januartag 1945 beschreiben, so wie sie wirklich war. Auf gut 100 Seiten berichtet Christa Wolf von diesem traumatischen Tag in ihrem Leben, erinnert sich an ihre Kindheit in Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski, Polen). Schon vor "Kindheitsmuster" rührte sie also an einem Tabu in der DDR, als sie über Flucht und Vertreibung als Folge des Zweiten Weltkriegs schrieb. "Nachruf auf Lebende" hat sie bereits 1971 verfasst. Eine Veröffentlichung sei laut Gerhard Wolf nicht geplant gewesen. Änderungen am Manuskript gab es nicht. Selbst der Titel stamme von Christa Wolf. Ihr erster Satz ist trotzig, so wie sie auch im Leben mitunter zu sein pflegte: "Nein, so ist es nicht gewesen."

"Sei dennoch unverzagt". Lesung mit Jana Simon am 14. Mai, 19.30 Uhr, in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek. Eintritt ist frei. Reservierung unter Tel.: 0355 38060-24