Andrea Kutsch las nicht wie angekündigt aus ihrem neuen Buch. „Die Pferdeflüsterin antwortet“ sei wegen Produktionsschwierigkeiten noch nicht erschienen. Doch sie werde jedem, der es wünscht, ein signiertes Exemplar zukommen lassen, versprach die Autorin.
Klassische Lesungen hält die 40-Jährige ohnehin selten. Ihr großes Talent ist der Dialog. Mit Pferden wie mit Menschen. Dabei ist ihre Rede geistrich, lebendig, humorvoll. Im Alter von fünf Jahren bekommt Andrea Kutsch ihr erstes Pferd geschenkt. Sie entwickelt sich zu einer erfolgreichen Dressur- und Springreiterin. Später gibt sie den sportlichen Umgang mit den Tieren auf. "Um nicht die damit verbundene Härte an den Pferden umsetzen zu müssen." Sie wechselt die Sportart. Windsurfen, Profi-Liga. Sie eröffnet ein eigenes Marktforschungsinstitut. Bis sie eines Tages einen anderen Weg einschlägt. Sie packt ihre Sachen und geht für sechs Jahre in die USA, um vom amerikanischen Pferdeflüsterer Monty Roberts „Die Sprache der Pferde“ zu lernen. „Pferdeflüsterei ist keine Magie. Sondern ein Kommunikationssystem, das auf uralten Naturgesetzen beruht“ , sagt sie. Monty Roberts sei nur der erste gewesen, der die Zeichen durch Beobachtungen aufgeschlüsselt hat. Der gesamte Vortrag von Andrea Kutsch folgt so dem an die Wand projizierten Zitat „Pferde kommunizieren. Man muss nur lernen, ihnen zuzuhören.“ Es ärgere sie, dass nach diesen Erkenntnissen das Reiten noch so gelehrt würde, als ginge es dabei um einen Mopedführerschein. „Hier ziehen, da drücken und es geht nach links oder nach rechts. Doch das Pferd ist kein Moped. Man muss über sein Wesen Bescheid wissen“ , sagt die Tierpsychologin.
Den vielen kleinen Pferdenärrinnen, die in Begleitung ihrer Eltern ins Heron-Buchhaus gekommen sind, mag der Vortrag mitunter zu wissenschaftlich sein. Doch Andrea Kutsch liebt Kinder. Sie seien ihr die liebsten "Jünger". "Kinder wissen intuitiv, wie man richtig mit Pferden umgeht. Später verlernen sie es nur", ist die Trainerin überzeugt. Den gewaltfreien Weg vermittelt Andrea Kutsch an ihrer vor einem Jahr gegründeten Akademie für Pferdekommunikationswissenschaften in Bad Saarow bei Berlin. Etwa 4000 Bewerbungen habe es bereits im ersten Semester gegeben. Die Aufnahmekriterien sind streng. „Wir möchten kein verklärtes Bild von diesem Studiengang aufkommen lassen“ , erklärt Andrea Kutsch. Wer denkt, es ginge um „Wuscheln und Puscheln“ mit dem Tier, der irrt. Das Studium sei neben einer intellektuellen Herausforderung auch harte körperliche Arbeit, betont die frischgebackene Akademie-Leiterin. Außerdem hat es seinen Preis.
Dennoch: die kleine zehnjährige Isabel aus Cottbus lässt sich nicht abschrecken. Sie sitzt in der ersten Reihe mit Stift und Schreibblock, notiert sich die Internet-Adresse der Akademie. Müde sei sie jetzt nach dem Vortrag, sagt Isabel. Aber glücklich. So wie viele der Kutsch-Fans. Der Beifall für die Pferdeflüsterin hat es bewiesen.