| 17:25 Uhr

Uraufführung in Senftenberg
Wie eine Fremde den grauen Alltag durcheinanderwirbelt

Erste gemeinsame Aktion des Mädchens ( Lysann Schläfke) und der Grauen (Sybille Böversen).
Erste gemeinsame Aktion des Mädchens ( Lysann Schläfke) und der Grauen (Sybille Böversen). FOTO: Steffen Rasche / FOTOGRAFIE RASCHE
Senftenberg. Berührende deutsche Uraufführung an der Neuen Bühne Senftenberg: „Das Mädchen von weither“ erobert die Herzen der kleinen Zuschauer. Von Ida Kretzschmar

Mitten im Wald sitzen die kleinen Zuschauer in der Probebühne der Neuen Bühne auf Kissen und Kisten. Der Wind bläst ihnen um die Ohren, sie fühlen die Dunkelheit, die Kälte – fast so wie das kleine rote Knäuel, das sich auf der Bühne entrollt und als „Mädchen von weither“ entpuppt.

Gleichnamiges Stück nach dem Kinderbuch von Annika Thor und Maria Jönsson feierte am Freitag in Senftenberg seine berührende deutsche Uraufführung.

Gastschauspielerin Lysann Schläfke gibt die Rolle des Mädchens, das mit verwunderten Augen eine Welt betritt, die ihr fremd ist. In ihrem Gesicht spiegeln sich Ängstlichkeit und Staunen über den wohl noch nie gesehenen Schnee, vor allem aber eine ungestillte Hoffnung auf Wärme und Geborgenheit.

Als das Mädchen am Ende des Waldes Licht in einer Hütte entdeckt, klopft es leise an die Tür und lässt es schließlich übermütig-verzweifelt donnern, als sein Klopfen nicht gehört wird.

Was die Graue auf den Plan ruft, von Sybille Böversen facettenreich verkörpert.

Grau sind nicht nur die Kleider der Grauen, sie kann offenbar überhaupt keine neue Farbe in ihrem Leben ertragen. Fest sitzen Angst und Argwohn vor den Anderen. Sie will lieber allein sein. So ist das Erschrecken auf beiden Seiten groß. Das Mädchen glaubt, ihr nach dem Munde reden zu müssen, und es braucht eine Weile und einige (vom Publikum mit Kichern begleitete) Rennerei, bis sich wenigstens erst einmal die Tür öffnet.

Nora Maria Bräuer die auch für die trefflich gewählten Kostüme verantwortlich ist, schuf die Illusion einer einfachen anheimelnden Stube auf der Bühne – mit witzig-schrägem Bord und Bett, vor allem aber einem Bollerofen, in dem Milch warm werden kann, die nach zu Hause schmeckt.

Alexander Flache hat die hochaktuelle Geschichte um Fremdheit, Andersartigkeit und Freundschaft behutsam inszeniert und sorgt mit manch Regieeinfall dafür, dass die Zuschauer, die mucksmäuschenstill dem Geschehen folgen, auch ihren Spaß haben. Vor allem aber das Spiel der beiden Darstellerinnen zieht in den Bann. Bemerkenswert, wie Sybille Böversen diese Skepsis auslebt über den Störenfried, der ihr gewohntes Leben durcheinanderwirbelt und wie sie störrisch darauf beharrt, ihr eigenes Haus nicht teilen zu müssen. Erfrischend wirkt dagegen die Neugier des Mädchens, die Lysann Schläfke augenblicklich in abgrundtiefe Traurigkeit über ihr Alleinsein umschlagen lässt.

Und wie der Grauen, ganz gegen ihren Willen, allmählich das Herz aufgeht! Nicht allein aus Mitgefühl, sondern auch, weil sie spürt, dass  ihre eigene Welt durch die Fremde bunter wird. All das schwingt in ihrem Schlaflied mit „Der Mond ist aufgegangen“, erst widerborstig und emotionslos gesungen und dann immer sanfter. Ein magisches Schattenspiel über die Hintergründe von Flucht fügt eine ungewöhnliche Nuance hinzu.

„Ich fand das Buch schon groß. Aber im Theater wird alles noch größer“, kommentiert der siebenjährige Jeremias Mertius aus Sedlitz am Ende. Zauberhaft, wie dieses Stück die Kinder in die sturmgeplagte Welt entlässt: Ohne erhobenen Zeigefinger, dafür eingepackt in Poesie und wohltuender Fröhlichkeit.

Karten für die erste Familienvorstellung am 21. Januar sind an der Theaterkasse, Telefon: 03573 801286 oder online unter www.theater-senftenberg.de erhältlich.