Sentimentale Rührseligkeit allerdings lässt dieser lebende Weihnachtsbaum erst gar nicht aufkommen. Schon wirft er sein Nadelkleid ab und hervor tritt der Traum von einer Frau, eine Diva, ein männerverschlingender Vamp in blendendem Weiß: Mary, die perfekte Illusion.
Und sie genießt es: „Ich darf ganz Frau sein und bekomme das Gehalt eines Mannes.“
Alles an ihr ist falsch: Die angeklebten Wimpern, die blonden Locken, das verführerische Dekolleté, die vermeintlich ewige Jugend - nur falsche Töne sind ihr fremd. Und so unterbricht sie auch gleich den Begrüßungsapplaus: „Genug. Werfen Sie lieber Lametta über mich. Das ist mein Geschenk an die Welt: Aus einer alten Tanne lässt sich noch was machen, wenn man sie liebevoll behängt.“ Natürlich müsse man Vorsicht walten lassen. Zum Beispiel mit Weihnachtskugeln: „Sie sind wie Wahlversprechen. Außen glänzend und innen hohl.“ Zum Kugeln. Was die Weihnachtsgarderobe angehe: „Es gibt Frauen, die können anziehen, was sie wollen, denen steht gar nichts“ , behauptet sie: „Und es gibt Männer, die können ausziehen, was sie wollen. . .“ Mary muss es ja wissen, dieses androgyne Wesen, das mit dem berühmten Lied der Dietrich flüstert: „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ . Brustvergrößerung lehnt Mary ab: „Sollen sich doch die Männer die Hände verkleinern lassen!“
Aber nicht nur mit den Herren fährt Mary ordentlich Schlitten, auch Frauen hält sie den Spiegel vors Gesicht, respektlos, frech, tabulos, ohne das Publikum und sich selbst zu schonen: „Sehe ich nicht aus wie ein Weihnachtsplätzchen zu Ostern„“ , fragt sie zuckersüß und legt nach: „Ein bisschen überm Verfallsdatum“ . Ihre Hommage an das Altern folgt mit rauchiger Stimme: „Nehmen Sie 'nen Alten . . .“
Auch am Cottbuser Weihnachtsmarkt kommt sie nicht vorbei: „Dieses sanfte rote Leuchten der Nasen am Glühweinstand ist so stimmungsvoll“ , schwärmt sie. Und die Galerie sehe aus, als wäre sie aus Las Vegas ausgerissen und die Dekorateure voll auf LSD. Man müsse ja nicht jeden Blödsinn aus Amerika übernehmen: „Wir wählen ja auch keinen Idioten zum Regierungschef.“ Zur hiesigen Bundeskanzlerin fällt Mary auch etwas ein: „Die trägt nicht umsonst immer Hose. Ich vermute, dass ist die Hose, in die alle Reformen in Deutschland gehen“ .
So lästert Mary über Gott und die Welt, legt sich mit dem Papst an und mit Osama bin Laden - mit einem Mundwerk, das einen Comedian vor Neid erblassen lässt und selbst gestandenen Kabarettisten die Sprache verschlägt. Blitzende Ideen wie ein vorweggenommenes Silvesterfeuerwerk, aber nie unter die Gürtellinie treffend.
Und selbst wenn sie die „Stille Nacht“ besingt, mit Mary kommt da nicht wirklich weihnachtliche Ruhe auf, zu laut lässt sie die Glocken läuten, Sirenen stören und Babygeschrei.
Dazwischen immer wieder nachdenkliche, berührende Töne, die die Zuschauer nicht besinnlich stimmen, aber zur Besinnung bringen. Etwa, wenn sie davon singt, wie eine Frau auf der Straße sich einem weggeworfenen Weihnachtsbaum nahe fühlt oder Mary mit den Müttern in Israel und Palästina Trauer trägt: „Ist eine Welt, die Helden braucht, denn eine gute Welt““ Und wieder verwandelt sie sich: Diesmal in eine Putzfrau, die den Saubermännern tüchtig die Meinung geigt. Da gebe es welche, die immer von einem „reinen Deutschland“ palavern. Die bleiben selbst ja nur an der Oberfläche: „Polieren ihre Glatzen und Springerstiefel und übersehen den Dreck in den Gehirnwindungen.“
Der Versuche gibt es viele an diesem Abend, mit einem Lächeln den Hass in die Knie zu zwingen. Das Publikum von acht bis 80 honoriert das mit stehendem, kaum zu stoppenden Applaus, als Mary am Ende die falschen Wimpern ablegt, die Ohrklunkern wegwirft, die goldenen Locken vom Kopf reißt. Das Lametta ist ab: Jetzt ist Georg Preuße nur noch er selbst, ergriffen vom herzlichen Beifall. Doch immer noch perfekt in desillusionierender Illusion: „In Suhl habe ich schon Standing Ovations erlebt, die dauerten dreieinhalb Stunden“ , prahlt er: „Bis ich gemerkt habe, dass in dem Saal gar keine Stühle waren.“