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| 14:33 Uhr

Teltow-Fläming
Kämpfen um Schloss Wiepersdorf

Keine Kunst ohne Engagement: Ulrike Seyboth und Ingo Fröhlich im Hof des von ihnen geleiteten Berliner Künstlerhauses in der Torstraße.
Keine Kunst ohne Engagement: Ulrike Seyboth und Ingo Fröhlich im Hof des von ihnen geleiteten Berliner Künstlerhauses in der Torstraße. FOTO: Stiehler, Uwe
Wiepersdorf. Das Künstlerhaus verliert seinen Betreiber, wird für Monate geschlossen, kann aber auf das Engagement seiner Stipendiaten zählen.

Es hat schon ziemlich schön, wer als Stipendiat nach Wiepersdorf eingeladen wird. Das Anwesen im Landkreis Teltow-Fläming ist eine Perle, weitläufig, gepflegt. Das Schloss hat Ausstrahlung, ein Haus mit Geschichte und Charakter. Wenn man zur Rückseite läuft, fühlt man sich von ihm wegen der angestückelten Seitenflügel mit breiter Geste umarmt. Seit mehr als 70 Jahren steht dieses Anwesen Künstlern offen, damit sie sich dort einige Monate im Jahr ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können. Wiepersdorf will seine Kurzzeitbesucher aus den Lähmungen, Zwängen und Ablenkungsmanövern des Alltags herauslösen. Wer dort arbeitet, wird sogar bekocht.

Aber diese Insel der Kunst sehen Stipendiaten wie Ulrike Seyboth und Ingo Fröhlich nun akut bedroht. Sie fürchten nichts weniger als deren Untergang. Was ist passiert? Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, der das Land vor mehr als zehn Jahren das Anwesen übertragen hat, macht jetzt wahr, was seit Längerem im Raum steht. Sie kündigt zu Ende Juli die Trägerschaft des Stipendiatenbetriebes auf. Ab August wird das Haus wenigstens bis Ende 2019 geschlossen bleiben. Das hat nicht nur mit dem Ausstieg des Trägers zu tun. Das Haus, betont das brandenburgische Kulturministerium, müsse dringend saniert werden.

Doch wie und unter welcher Trägerschaft es nach 2019 weitergeht, ist bis jetzt völlig offen. Das Kulturministerium, der Finanzausschuss des Landtages, auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchten, dass ab 2020 wieder Maler, Bildhauer, Schriftsteller und Komponisten nach Wiepersdorf eingeladen werden.

Doch die entsprechenden Aussagen sind zunächst nur gutgemeinte, beschwichtigende Absichtserklärungen ohne Verbindlichkeit, mit denen sich der Finanzausschuss und das Kulturministerium insofern weit aus dem Fenster lehnen, als im Landeshaushalt der Mehrbedarf für Wiepersdorf noch gar nicht berücksichtigt ist. Darüber muss der Landtag im Zuge der Haushaltsdebatte im Herbst erst abstimmen. Das Kulturministerium, das an „erweiterte inhaltliche Aufgaben“ für Wiepersdorf denkt, ohne das bisher genauer zu definieren, rechnet mit rund 720 000 Euro, die zukünftig für den Betrieb des Künstlerhauses aufgebracht und in den Landeshaushalt eingestellt werden müssten. Im gerade veröffentlichten Entwurf zum Doppelhaushalt 2019/20 ist diese Summe vermerkt worden.

Seit 2006, als die Stiftung Denkmalschutz Wiepersdorf übernahm, kam das Geld für den Stipendiatenbetrieb von ihr beziehungsweise aus dem Kultur-Fonds Brandenburg, den die Stiftung treuhänderisch für das Land verwaltet. Durch die Niedrigzinspolitik der vergangenen Jahre sind die Erträge dieses sich auf etwa 7,6 Millionen Euro belaufenden Anlagevemögens derart eingebrochen, dass die Stiftung nach Aussagen ihres Pressesprechers Thomas Mertz den Stipendiatenbetrieb mit jährlich 500 000 Euro subventionieren muss. Nun dürfe die Stiftung „aus gemeinnützigkeitsrechtlichen Gründen die Verluste des Stipendiatenbetriebes nicht weiter hinnehmen“, erklärte Mertz. Denn sie seien für die Stiftung „existenzbedrohend“. Die Stiftung, die Eigentümerin der Immobilie bleibt, werde sich weiter um den Erhalt des Denkmalensembles kümmern, sei wegen des besagten Defizits nun aber gezwungen, den Betrieb des Künstlerhauses einzustellen.

Unvorhergesehen wie ein Tornado kommt dieses Szenario allerdings nicht. Seit zwei, drei Jahren hat es wegen der zusammengeschmolzenen Erträge des Fonds Krisentreffen zwischen Landespolitikern und Vertretern der Stiftung gegeben – auch in Wiepersdorf. Nur verliefen sie ergebnislos. Und dass 2018 für die Stiftung die Zweckbindung für die kulturelle Nutzung des Schlosses ausläuft, ist der Landesregierung seit Jahren bekannt, sie hat die entsprechenden Verträge ja selbst abgeschlossen.

Hat das Kulturministerium zu spät reagiert und die Brisanz der Situation verkannt? Diese Frage stellen sich Seyboth und Fröhlich, die im Frühjahr als Stipendiaten in Wiepersdorf waren. Sie haben mit angesehen, wie der Betrieb dort langsam abgewickelt wurde und Mitarbeiter ihre Kündigung erhielten, die seit fast 40 Jahren auf dem Schloss gearbeitet und selbst jede Tasse dort wie ein Familienmitglied behandelt haben. Das miterleben zu müssen, habe sie geschmerzt, sagen die Künstler.

Aber es sind nicht nur die Schicksale der vor die Tür Gesetzten, die die beiden sehr bewegen. Sie haben so wenig Vertrauen in das Engagement der politisch Verantwortlichen, dass sie nun selbst für die Rettung von Wiepersdorf einigen Wirbel veranstalten. Sie initiierten einen offenen Brief, in dem Stipendiaten ihre Sorge um die Zukunft des Hauses sehr deutlich äußern, und sie haben vor wenigen Tagen eine Protestveranstaltung in Berlin mit organisiert, die Druck aufbauen wollte. Mit Zwischenerfolg. Zu der Versammlung war Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch überraschend angereist, um zu betonen, dass Wiepersdorf als Künstlerhaus erhalten bleiben soll. Kann in den Augen der beiden also nicht schaden, wenn der Ort öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. Denn Ulrike Seyboth und Ingo Fröhlich sehen nicht nur ein Künstlerhaus bedroht, sondern einen kulturellen Leuchtturm, der für die Region von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.

Und nicht zuletzt kämpfen sie um ein Haus, das zum kulturellen Erbe Deutschlands gehört. Wiepersdorf – nicht nur die Romantiker Bettine und Achim von Arnim sind mit diesem Ort verbunden. Was für eine Rolle er bei der „Renaissance der Romantik“ im letzten Jahrzehnt der DDR spielt, lässt sich in dem jüngst erschienenen Band „Die Blaue Blume in der DDR“ nachlesen. Er vereint Beiträge eines Symposiums zu diesem Thema. Stattgefunden hatte es: auf Schloss Wiepersdorf. Heute sei es für Künstler so wichtig, weil es für Vielfalt, künstlerischen Austausch, „breite Empfindungen und breite Wahrnehmung“ stehe und bisher ermöglicht habe, sagen Seyboth und Fröhlich.

Friederike Frach, Norbert Baas (Hg): „Die Blaue Blume in der DDR“, vbb, 224 Seiten, 25 Euro