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| 01:32 Uhr

Das Konzert zum Jahreswechsel im Cottbuser Staatstheater begeisterte das Publikum

Cottbus. Mit „La Valse II“ und italienischen Arien wurden die Cottbuser musiksüchtigen Genießer aus dem alten Jahr hinaus- und in das neue Jahr hineingeschwungen. Ein betrogener Ehemann musste dabei unter Tränen lachen, eine Alte tanzte mit dem Tod, der Teufel höchstselbst spielte die Geige in der Dorfschenke – es bedurfte also dringend eines Hexenmeisters: Evan Christ. Von Irene Constantin

Der Auftakt zum Konzert hieß weder Walzer noch Arie, sondern “España„. Das flotte Stück war munter geklaut, von Émile Waldteufel bei Emmanuel Chabrier. Damals, bevor Richard Strauss das bezahlte Urheberrecht erfunden hatte, lautete der Kommentar für solche Teufeleien noch nicht: “Wir sehen uns vor Gericht!„, sondern: “Es ist mir eine Ehre, Maestro!„.

Danach trat Julia Bauer auf. Vor einigen Jahren war sie als junge Sopranistin, zum Beispiel als bezaubernder Page Oscar in Verdis “Maskenball„, ein Publikumsliebling im Cottbuser Sängerensemble. Heute ist sie ein internationaler Publikumsliebling und kann fast alles, was in der Welt der hohen Soprane vorkommt; in der Operette fährt sie ebensolche Ovationen ein wie als Lulu oder Sierva Maria in einer zeitgenössischen Oper nach Gabriel Garcia Marquez. Schmeicheln gehört selbstverständlich auch zu ihrem Handwerk, und ihr “babbino caro„, ihr “liebes Väterchen„, müsste dahinschmelzen, wenn sie ihn um gut Wetter für die Hochzeit bittet.

Eine Stimme zum Verlieben

Kaum hatte Julia Bauer - sie trug einen Traum von einem Kleid in Apricot - den Alten rumgekriegt, erschien der jugendliche Liebhaber auf dem Podium. Telman Guzhevsky hat alles, was zu diesem Typ gehört: Bella Figura, eine satte Prise Machismo, eine italienische Stimme zum Verlieben und als Draufgabe die Fähigkeit, spielerisch zu beglaubigen, was er gerade singt. Wahrscheinlich kann keine Violetta widerstehen, wenn er den Al fredo gibt und als Verliebter so jubelt, wie er es in Cottbus tat.

Im Laufe des Konzerts entspann sich ein köstlicher Wettbewerb zwischen Julia Bauer und Telman Guzhevsky. Man übertrumpfte einander gegenseitig. Singst du den Bajazzo, gebe ich die Liu, singst du den Hit von den mobilen Donnas, halte ich mit dem urkomischen Schwipslied dagegen. Das Publikum lachte und jubelte, und natürlich fand man sich auch zum Duett, Gilda und der Herzog beim ersten Rendezvous.

Man muss als Orchester schon bestens aufgelegt sein, um solche Belcanto-Freuden noch zu toppen. Aber keine Frage, die Cottbuser Philharmoniker waren bestens aufgelegt. Zuerst wagten sie sich ans Komplizierte. Franz Liszts Mephisto-Walzer Nr. 1 ist diffiziles Werk, voller verzwickter Rhythmen und merkwürdigster Klangfarben, eine Art kleine musikalische Denkaufgabe für 2011. Auch der zweite Hauptwalzer des Abends, die gedämpft dahinrauschende “Valse triste„ von Jean Sibeliusm, war noch nicht ganz bei der Silvesterstimmung angekommen, sondern bot als rauschende Ballnacht am Abgrund des Todes ein wenig Sinnieren über das Leben.

Fünf Zugaben

Dann aber war Schluss mit der Tristesse, und Johann und Josef Strauss eroberten das Feld, “Sphärenklänge„ leuchteten und ein “Vergnügungszug„ mit Mini-Vuvuzela im Marschgepäck zog vorüber. Wie virtuos und superpräzise man in Cottbus selbst im Gute-Laune-Konzert musizieren kann, bewiesen Evan Christ und seine Band mit Tschaikowskis “Nussknacker„-Trepak. Sie legten ein Tempo vor, von dem man im ICE nur noch träumen kann. Fünf Zu gaben, was will man mehr.