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| 17:33 Uhr

Das Jahrhundertbuch

Stolz: Maria Matschie, Geschäftsführerin des Domowina Verlags, und die Herausgeber Franz Schön (Leiter Sorbisches Kulturarchiv, l.) und Dietrich Scholze (Direktor Sorbisches Institut Bautzen).
Stolz: Maria Matschie, Geschäftsführerin des Domowina Verlags, und die Herausgeber Franz Schön (Leiter Sorbisches Kulturarchiv, l.) und Dietrich Scholze (Direktor Sorbisches Institut Bautzen). FOTO: Michael Helbig/mih1
Gut zehn Jahre wurde daran gearbeitet, fast zwei Jahre dauerte der Feinschliff am Sorbischen Kulturlexikon. Ein zeitgemäßes, kompaktes Nachschlagewerk über sorbische Geschichte, Sprache, Kultur sollte es werden. Jürgen Scholz

Der Begriff Standardwerk wird gern und schnell als Schublade für ein Buch gewählt. Doch das Sorbische Kulturlexikon, das in diesem Monat auf den Markt kam, dürfte so schnell nicht seinesgleichen finden: Ab dem Jahr 2004 haben 80 Autoren daran gearbeitet, in mehr als 230 Stichwörtern auf über 570 Seiten "das moderne Wissen konzentriert in einem Buch" zu sammeln. So formulierte es Dietrich Scholze, der Direktor des Sorbischen Instituts in Bautzen, bei der Vorstellung in Cottbus. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben sich noch einmal Lektoren mit den Beiträgen befasst. Etwas Vergleichbares gab es bislang nicht. Weder auf Sorbisch noch auf Deutsch.

Das Sorbische Kulturlexikon ist hauptsächlich für ein deutschsprachiges Publikum gedacht, wie Scholze betonte. Denn auch wenn es Vorurteile über Sorben kaum noch gebe, gebe es noch "eine unglaubliche Unkenntnis, Unwissenheit und Ignoranz". Der Auftrag ist also klar: Aufklärung.

Und damit ist auch klar: Es ist in bestimmten Bereichen ein subjektives Buch, das ein Bild vermitteln soll. Die Diskussion über eine politische Vertretung der Sorben jenseits der Domowina, die immer wieder aufflammt, wird nahezu ausgeklammert. Auf jeden Fall ist das Bemühen deutlich erkennbar, Ober- und Niederlausitz gleich zu behandeln.

Das Sorbische Kulturlexikon bietet in der Tat einen schnellen und vielfältigen Zugriff auf viele Aspekte der Landesgeschichte, der modernen Kultur und alten Tradition, dass es mehr als ein Nachschlagewerk ist. Es ist an einigen Stellen fast schon Lesebuch, an anderen eben das Nachschlagewerk, das vor allem Nicht-Sorbischsprachigen bislang fehlte, um manche Hintergründe und Diskussionen einordnen zu können. Es ist in diesem Sinne aber auch ein Buch, das die Vielfalt und Geschichte der Lausitz zusammenfasst und dabei einen Einstieg in viele Bereiche ermöglicht. Das reicht beispielsweise von der Geschichte des Handwerks und der Wirtschaft, über die sorbische Literatur und Musik, die Landesgeschichte, streift natürlich auch Trachten, Sprache und Sagen. Die weiterführenden Literaturhinweise sind hier und da vielleicht etwas spärlich ausgefallen, was aber den Gesamteindruck nicht schmälert: Wer sich interessiert für die Geschichte der Lausitz, was sorbische Identität jenseits von manchmal nur scheinbar bekannten Trachten und Bräuchen ausmacht und damit das Zusammenleben von Sorben und Deutschen prägt, der wird in dem Sorbischen Kulturlexikon ein wertvolles Buch finden. Weit wertvoller, als der Preis signalisiert. Etwa die Hälfte der 1500 Exemplare wurde bereits vorbestellt. Eine elektronische Version ist zwar geplant, vor allem aber wegen der aufwendigen Klärung der Rechtefrage an den über 700 Abbildungen aber wohl erst in drei Jahren, wie es von Verlagsseite heißt.

Sorbisches Kulturlexikon, Domowina, ca. 570 Seiten, 49 Euro.

Zum Thema:
Er war Mitbegründer der Domowina, Pfarrer und hielt die Flurnamen des Kreises Cottbus für die Nachwelt fest. Im Herbst sollen die Tagebücher des Gotthold Schwela erscheinen, die er von 1902 bis 1945 geschrieben hat - im fließenden Übergang von Deutsch, Ober- und Niedersorbisch. Annett Bresan hat sie übersetzt, sodass Ereignisse, Privates oder auch Träume, die Schwela in dieser wechselvollen Zeit bewegten, nachvollziehbar werden. Erscheinen wird das etwa 800 Seiten starke Werk im Herbst.