| 02:38 Uhr

Das Geröll der Veränderung

Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern (1989 bis 2001). Hanser-Verlag, 669 Seiten, 26 Euro.
Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern (1989 bis 2001). Hanser-Verlag, 669 Seiten, 26 Euro. FOTO: Verlag
Nach längerer Pause braucht es eine Weile, um sich in die "Brüder und Schwestern" hineinzudenken. Birk Meinhardt hat eine gleichnamige Fortsetzung seines wuchtigen Wenderomans geschrieben, der in den Jahren 1973 bis 1989 spielt.

Zur Erinnerung: Willy Werchow ist Direktor einer großen SED-eigenen Druckerei in der thüringischen Provinz. Er muss Kompromisse machen. Obendrein droht seine Familie auseinanderzubrechen. Mit seiner Frau und den drei Kindern Britta, Erik und Matti gerät er in einen Strudel von Konflikten. 1989 setzt der zweite Teil des Romans ein, der die Jahre 1989 bis 2001 beleuchtet. Die Mauer ist offen. Damit ist die Familie Werchow mitten im Geröll der Veränderung, wie es im Buch heißt. Und jeder muss zusehen, dass er dabei nicht ins Stolpern gerät. Matti, der Eigenbrötler, kommt durch Himmelsguckerei zu einem Haufen Geld. Britta, die Freiheitsliebende, muss dem Zirkusleben Lebewohl sagen. Und Erik, der Übervorsichtige, wechselt von der sozialistischen in die kapitalistische Werbung, wo er sich aber auch nicht gerade wohl in seiner Haut fühlt. Birk Meinhardt, 1959 in Berlin geboren, er arbeitete als Sportjournalist bei verschiedenen Zeitungen und als Reporter bei der Süddeutschen Zeitung, erzählt von der Verstörung und Verwerfung in der Familie in epischer Breite. Aber er geht darüber hinaus. Er holt Fragen und Gefühle zurück, die viele Menschen in jenen Jahren umtrieben. Da pendeln die Helden zwischen Geschichtsvergessenheit und Verklärung, hoffen auf die Symbiose von Gewonnenem und Verlorenem, fühlen sich gegängelt im eigenen Revier. Und sie fragen sich: Wiegt die Entwertung der Erinnerungen schlimmer als die Entwertung des Geldes? Mit dem Abstand der Jahre noch einmal auf diese Zeit zu schauen, lohnt sich allemal.