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| 02:42 Uhr

Das Emotionale kommt beim Proben

Katka Schroth inszeniert "Nora" am Staatstheater Cottbus.
Katka Schroth inszeniert "Nora" am Staatstheater Cottbus. FOTO: Marlies Kross
Henrik Ibsens Schauspiel "Nora oder Ein Puppenheim" hat am 3. Mai in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus Premiere. Inszeniert wird es von der Regisseurin Katka Schroth, Jahrgang 1964. Sie verkörpert die nächste Generation einer großen Theaterdynastie. Interessant zu erfahren, wie es ist, sich in einer solchen Künstlerfamilie zu behaupten und seinen eigenen Wege zu finden.

Sie tragen einen Namen, der einen sehr guten Klang in der Theaterwelt hat - ist das ein Segen, ein Fluch oder spielt das keine Rolle?
Es ist Fluch und Segen zugleich. Fluch, wenn man beginnt, erste eigene Schritte zu gehen. Segen, weil es toll ist, in einer solchen Theaterfamilie aufzuwachsen. Deren Mittelpunkt war für mich lange meine Großmutter Lotte Meyer, die selbst eine bekannte Schauspielerin war. Sie ist die Mutter meines Vaters Peter und meines Onkels Christoph Schroth. Bei ihr saßen alle am Tisch. Dort fanden die großen Debatten über Theater statt. Das war wunderbar.

Ihr Vater ist Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter, der Onkel einer der bekanntesten Regisseure der DDR, Theaterleiter unter anderem zehn Jahre in Cottbus, Ihr Cousin Andreas Dresen ein hoch geschätzter Filmemacher. Bei so vielen Begabungen - wie schwer ist es, den eigenen Weg zu finden?
Erstens bin ich eine Frau, zweitens gehöre ich einer anderen Generation an - schon deshalb gehe ich anders an eine Inszenierung als mein Vater oder Onkel. Ich bin noch in der DDR groß geworden und habe den Beruf im Westen angefangen, unter ganz anderen Bedingungen. Und ich habe Theaterwissenschaften studiert, woraus sich auch eine bestimmte Sicht ergibt. Aus Interesse bin ich 1994 an die Berliner Schaubühne gegangen, habe assistiert bei Andrea Breth und Klaus-Michael Krüger. Auch dadurch habe ich mir ein eigenes Erfahrungsfeld geschaffen. Vom Studium und meinen ersten Theatererfahrungen her bin ich stark von Heiner Müller als geistigem Übervater und Frank Castorf geprägt.

Eine interessante Mischung.
Ja, da gab es zu Hause auch Diskussionen zwischen den Schroths und Schroths und Schroths.

Sie sprachen ja schon die veränderten Bedingungen an.
Die Theaterlandschaft hat sich wahnsinnig verändert. Ich hatte mein erstes Engagement als Regisseurin am Berliner Schillertheater. Das wurde zwei Tage nachdem ich dort angefangen hatte, geschlossen. So bin ich in den Beruf gestartet. Dass ich ihn noch ausübe, darüber wundere ich mich manchmal selbst. Die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter und den künstlerischen Anspruch zu halten, wird immer schwieriger.

Wie arbeiten Sie?
Ich interessiere mich für die Situationen der Figuren in Bezug auf die Schauspieler. Ich arbeite viel mit Musik, mit Körpersprache, dem Text natürlich. Ich versuche, jedes Element für sich zu begreifen und sie dann aufeinander zu hetzen, bis sich etwas Ganzheitliches ergibt. Dabei spielt Improvisation eine große Rolle. Für mich ist Freiheit im Arbeitsprozess Voraussetzung für künstlerische Kreativität.

Sie haben keine Konzeption?
Doch. Oft schreibe ich die Theaterfassungen von Stücken oder Romanen selbst, dann steckt die Konzeption schon drin. Ich erarbeite mit dem Bühnenbildner ein Raumkonzept, meist habe ich auch schon die Musik, sammle viel Material. Damit gehe ich in die Proben. Die Arbeit am Konzept ist die intellektuelle Seite der Auseinandersetzung mit dem Stück, das Bauchgefühl, das Emotionale kommt bei den Proben. Das ist ein spannender Prozess.

Hatten Sie eine Chance etwas anderes als Theater zu machen?
Es gab den Plan der Eltern, es zu verhindern, wohl weil ich so eine Einser-Schülerin war. Aber sie hatten keine Chance. Ich hatte schon bald eine eigene Theatertruppe. Da war klar, wo die Reise hin geht.

"Nora oder ein Puppenheim" - was ist für Sie interessant an der Geschichte?
Bei Ibsen geht es ja immer um die großen Lügen. Auch bei Nora. Sie hat einen Kredit aufgenommen und dafür die Unterschrift ihres Vaters gefälscht. Das fliegt auf. Dass Nora eine Betrügerin ist, nicht nur wegen des Wechsels, sondern auch wegen des Lebens, das sie führt, finde ich spannend. Nora und ihr Mann machen sich permanent etwas vor und dann verfällt sie noch in so Träumereien, dass er sie retten wird, falls der Betrug herauskommt. Ein Leben zwischen Sein und Schein - ziemlich modern. Wichtig für mich ist, wie sich die Gesellschaft verhält, in der sich beide bewegen. Jeder ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Auf dieses Beziehungsgeflecht blicke ich mit sehr schwarzem Humor.

Verändert sich Nora im Verlauf der Geschichte?
Das kann ich nicht so genau sagen, weil nicht klar ist, was sie am Ende macht. Auf jeden Fall will sie aussteigen - aus diesem Leben. Sie will alleine sein, die trügerische schöne, heile Welt verlassen. Die Frage ist: Geht das wirklich - aussteigen? Wo denn hin? Gesellschaft ist überall. Nicht nur im 19. Jahrhundert, auch heute.

Mit Katka Schroth sprach

Renate Marschall/mar1

Zum Thema:
Henrik Ibsens Stück "Nora oder Ein Puppenheim" erschien 1879. Der Titel beschreibt die Starre und Eingeschlossenheit, aus der die Protagonistin Nora am Ende ausbricht. Sowohl ihr Vater als auch ihr Mann Torvald behandeln sie als einen Besitz, der ihnen zwar kostbar ist, dem sie aber kein Eigenleben zubilligen. Die deutsche Erstaufführung fand 1880 in Hamburg statt. Dafür musste mit Rücksicht auf die zeitgenössische Sicht der Institution Ehe der Schluss verändert werden. Vorgesehen war, dass Nora schließlich ihren Mann und die Kinder verlässt. In diesen Aufführungen jedoch blieb sie der Kinder wegen. Die erste Aufführung mit Ibsens Schluss fand 1880 in München statt.Für die Premiere gibt es noch Restkarten an der Abendkasse.