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| 13:56 Uhr

Sommertheater
Wenn Glocken läuten in Schnöden-Glockenthal

Der aufstrebende Pastor Gotthilf Klingelsack soll, wie auch die junge, weltoffene Bürgermeisterin Theresa Kock van de Halde dem morbiden Nest Schnöden-Glockenthal bei Bimmelhausen zu neuem Aufschwung verhelfen.
Der aufstrebende Pastor Gotthilf Klingelsack soll, wie auch die junge, weltoffene Bürgermeisterin Theresa Kock van de Halde dem morbiden Nest Schnöden-Glockenthal bei Bimmelhausen zu neuem Aufschwung verhelfen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Das Dresdner Boulevardtheater begeistert mit „Herr Pastor, ihre Kutte rutscht!“ im ausverkauften Amphitheater am Senftenberger See. Von Renate Marschall

Offensichtlich weckte die Ankündigung einer rutschenden Kutte beim Herrn Pastor so viel Interesse, dass das Amphitheater Senftenberg am Montagabend ausverkauft war. Die Altersbegrenzung P 18 und die Erfahrung, dass das Dresdner Boulevardtheater, ein gern gesehener Gast im Amphi, keine Angst vor deftigem Spaß hat, taten wohl ein Übriges.

„Wir sind alle kleine Sünderlein“ klingt es aus den Lautsprechern und auch das Bühnenbild zeigt, wo die Reise in dieser lauen Sommernacht hin geht: nach Schnöden-Gockenthal, das sich die kleine Kirche – Tatort des Abend – mit Bimmelshausen teilt. Der Herr Pastor ist ein netter, junger, ansehnlicher, was die Sache mit dem Zölibat nicht leichter macht. Vorläufig aber kämpft Gotthilf Klingelsack mit den Glocken seiner Kirche, die sich, irgendwie durch Geisterhand gesteuert, seinem Willen entziehen. Vielleicht liegt es auch einfach am mangelnden Internetempfang in diesem verlassenen Nest. Hier wird nämlich nicht mehr von Hand gebimmelt, ein eigenwilliger Computer ist der Helfer des Herrn. Manchmal spielt das Wunderwerk der Technik zur Begeisterung des Publikums eben auch „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse...“

Wirklich verlassen ist die Gegend nicht, nur gilt sie als Zufluchts- oder Verbannungsort gescheiterter Existenzen. Der Pastor etwa wurde von seinem Dienstherrn hierher gesandt, um das religiöse Leben in Schwung zu bringen. Das gelingt – anders als gedacht. Eigentlich aber sollte der unbequeme Kritiker verschwinden, der dem Erzbischof zum Beispiel Verschwendung vorgeworfen hat. Hatte sich Klingelsack doch darüber mokiert, dass er einen Bentley fährt und auch sonst dem Prunk zugetan ist in Limburg. Überdies stehe von Kirchensteuer auch nicht in der Bibel.

Abgelenkt vom Glockenspiel wird der Kirchenmann zuerst durch die attraktive Bürgermeisterin, die auch nicht ganz freiwillig in Schnöden-Glockenthal ist, und zwei junge „Pilgerinnen“, die eine sexy die andere blond. Da tut sich was unter der Kutte. Gina Lolly-Lutschbonbon, die wie Vivian in „Pretty Woman“ aussieht und wie diese Nutte mit Herz ist, soll ihrer Freundin Maria helfen, den Pastor „anzubitchen“. Gut dokumentiert bringt das 1000 Euro vom Erzbischof. Der war, wie sich später herausstellt, ein Kunde von Gina und ging ihr mit seinem pädophilen Gequatsche auf dem Nerv. Maria-Colina Locke, angehende Intimfriseurin, die mit ihrer irritierenden Ahnungslosigkeit an Chantal in „Fuck you Göhte“ erinnert, findet den Klingelsack aber „so süüüüß“. Verführen ja, aber nicht kompromittieren, beschließt sie.

In beiden Frauen reift die Überzeugung: Eigentlich hat doch eher der Erzbischof eine Abreibung verdient. Und die 1000 Euro sind auch nicht mehr so wichtig, nachdem Gina den neuen Landarzt Dr. Josef Ayer-Stok auf sich heiß gemacht hat. Kurz vor der Pause sind die Hitzewallungen bei allen so groß, dass sie die Hüllen fallen lassen um sich im benachbarten See abzukühlen. Nur die Archäologin Liliane Leutheuser-Schnarrenthal mag auf ihren Badeanzug, den sie bereits 1948 beim Baden im Persischen Golf getragen hatte, nicht verzichten. Überhaupt ist diese coole Alte der Kracher des Abends. Nicht, dass nicht allenthalben geschweinigelt wird, was der Jargon so hergibt, aber diese aufgeweckte und sexuell offensichtlich noch sehr aktive Oma macht das mit einer Abgeklärtheit: So was hätte sie ja noch nie gesehen, „gleichzeitig ’ne Latte fallen lassen und eine kriegen“. Apropos kriegen: Wie üblich in solchen Komödien kriegen sich am Ende irgendwie alle und der Erzbischof Rotzinger sein Fett weg. Die Archäologin findet, weswegen sie in diese Gegend gekommen ist, eine Skulptur des griechischen Fruchtbarkeitsgottes Priapos mit kampfbereitem Phallus, wie es sie aus der Antike tatsächlich gibt. Die sexuelle Verklemmtheit hat sich offensichtlich erst später eingestellt. An diesem Abend war sie allerdings nicht anwesend. Das Publikum feierte jede eindeutige Zweideutigkeit und selbst alte Witze ab, honorierte auch die politischen Anspielungen. Da kam sogar Frau Merkel mal zu Wort: „Nun stellen sie sich mal vor, wir schaffen‘s nicht“. Die Debatte um Kirche, Glauben und Glaubwürdigkeit schwang die ganze Zeit mit, um schließlich in die Frage zu münden, ob es nicht am ehesten die Liebe ist, die die Menschen rettet. Jedenfalls wurden am Ende kräftig die Glocken geläutet... Donnernder Applaus.

Kein Stück für Puritaner, aber ein Sommerspaß, für Freilichttheater wie geschaffen und darstellerisch überzeugend.


Das Dresdner Boulevardtheater ist noch am 1. und 2. August, 19.30 Uhr mit dem Stück „Herr Doktor, die Kanüle klemmt“ (P 18),
am 6. und 7. August, 20 Uhr, mit dem Musical „Die Fete endet nie...“,
und am 12., 13. und 14. August, 19.30 Uhr, mit der Komödie „Herr Lehrer, Fräulein Lustig schwänzt!“ (P18) am Senftenberger See zu erleben.