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| 18:53 Uhr

Ausstellung
Kunst auf der Spur des Existenziellen

„M. überschreitet den See bei Gallenthin“ (1983, Michael Morgner, Tuschlavage über Siebdruck auf Papier, 68 x 88 cm)
„M. überschreitet den See bei Gallenthin“ (1983, Michael Morgner, Tuschlavage über Siebdruck auf Papier, 68 x 88 cm) FOTO: Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cott / László Tóth
Cottbus . Das Brandenburgische Museum für moderne Kunst vereint Arbeiten von Joseph Beuys und Michael Morgner in einer Ausstellung. Von Renate Marschall

Der Titel der Ausstellung „Existenz = Zeichen = Mensch“ im Brandenburgischen Museum für moderne Kunst in Cottbus fasst die Botschaft zweier sehr unterschiedlicher Künstler in eine Formel, die das Gemeinsame im Werk des 1942 in Chemnitz geborenen Michael Morgner und des 1921 in Krefeld geborenen Bürgerschrecks Joseph Beuys hervorhebt. „Sowohl im Oeuvre von Michael Morgner als auch in der Position von Joseph Beuys markieren Fragen nach Humanismus und der menschlichen Existenz immer wieder den Ausgangs- sowie den Endpunkt des Zusammenhangs von Kunst und Leben, aber auch das künstlerische Bildverständnis und dessen Zeichenvokabular“, fasst Museumsdirektorin Ulrike Kremeier die Intentionen zusammen, beide Künstler, die sich kannten und schätzten, im Dieselkraftwerk mit ihren Werken begegnen zu lassen.

Dabei sind die einzelnen Arbeiten von Beuys klug in die große Werkschau Michael Morgners integriert. Was beide hier vor allem verbindet, ist die Zeichnung. „Als ich zum ersten Mal Zeichnungen von Beuys sah, dachte ich sofort an Rodin, von dessen Zeichnungen ich ebenso begeistert war“, erzählt Michael Morgner. Durch den befreundeten Kulturattaché der BRD-Botschaft in Berlin lernten sich beide Künstler dann auch persönlich bei einer Beuys-Ausstellung in der Botschaft kennen. Zwei Kataloge, die Michael Morgner und seine damalige Frau Dörte geschenkt bekamen, künden davon. Beuys habe ihn gefragt, was er draufmalen soll, erinnert sich Morgner. „Ä Männel.“ Und so malte Beuys, der so gut wie nie Männel malte, ein solches. Eine Freundschaft war geschlossen. Belustigt erzählt Morgner, wie Beuys von allen möglichen Dingen begeistert war, die unter DDR-Bürgern eher als hässlich galten. „Die beiden Filzplatten, die hier gezeigt werden, stammen aus der Kaufhalle in Bitterfeld.“ Ulrike Kremeier ist stolz, den ersten Beuysschen Filzanzug einer Serie von Hundert, aus der viele schon den Motten zum Opfer gefallen sind, ausstellen zu können und den Schnittmusterbogen dazu. Der hatte den Schneider damals in einige Verzweiflung wegen der Unförmigkeit des Kleidungsstückes gestürzt, weiß die Museumschefin.

Auf monumentalen Leinwänden setzt sich Morgner mit den Existenzbedingungen des Menschen auseinander, ihrer Erfahrungswelt, die sie zu gebeugten, entfremdeten, oft gesichtslosen Kreaturen macht. Seine Figuren sind keine sozialistischen Persönlichkeiten, wie sie der sozialistische Realismus propagierte, sondern die Antitypen dazu. Von Angst gebeugt, scheinen sie eher zu kriechen, als sich in der den Menschen charakterisierenden aufrechten Haltung fortzubewegen. In die Welt geworfen wirken sie ziellos, weil nicht selbstbestimmt. „Eigentlich habe ich immer Kreuzigungen gemalt“, bekennt Morgner, „nicht die von Jesus, sondern unsere eigenen.“

Eine der Schlüsselfiguren steht als Plastik im Raum M1. „Modell“ hat sie der Künstler genannt. Sie schält sich aus dem zwei mal vier Meter großen Untergrund aus Holz und Kunststoff heraus, in dem sie ihren Abdruck hinterlassen hat und wohin sie jederzeit zurückkehren kann. Gebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, schaut sie ins Nichts, während sich zu ihren Füßen zwischen dem Schriftzug „Ich kann nicht mehr“ zahlreiche Figuren tummeln, verhuschte Gestalten.

Michael Morgner hat seine Bildsprache über Jahrzehnte entwickelt. „Es war für mich eine große Schwierigkeit, Realismus und abstrakte Kunst zusammenzubringen“, sagt er. Immer wiederkehrende geometrische Zeichen dienen ihm als Symbole für Lebensvorgänge. Da springen schon im Aufgang zu den Museumsräumen zwei riesige Dreiecke ins Auge, die sowohl eine zerstörerische wie eine wegweisende Wirkung zeigen. Sie tauchen ebenso auf wie Pfeile, die Aufstieg oder Vergehen beschreiben oder gleichschenklige Kreuze, die nicht allein als religiöse Zeichen zu deuten sind, sondern etwa als Wegachse, als Weltkreuz, vielleicht auch Zusammenhang von körperlicher und seelischer Bestimmtheit des Menschen.

Drei große und zugleich großartige Arbeiten sind das „Deutsche Requiem“ sowie die beiden „Jüdischen Requiems“, die in einem Raum Platz finden. „Ecce homo“, „Siehe, der Mensch“ steht Buchstabe für Buchstabe über den acht Tafeln des „Deutschen Requiem“. Zu sehen ist er als Täter wie als Opfer. Morgner verarbeitet hier selbst Erlebtes. Die Bombardierung seines Heimatortes Einsiedel, dass die Verwandten sich aus Angst vor den Russen erschossen haben, die Mutter mit ihm floh. Viele Bilder sind Lavagen: ge­klebt, gemalt, geteert und anschließend mit dem Gartenschlauch bearbeitet. Aufwendig, beeindruckend, nicht leicht zu deuten und doch kraftvoll in ihrer Aussage.

Sehr berührend, weil sie die Verzweiflung und Hilflosigkeit des Liebenden spüren lassen, sind die Grafiken im Raum S1, in denen sich Morgner mit dem Krebstod seiner Frau Dörte auseinandersetzt.

Wer meint, Michael Morgner schon einmal im Dieselkraftwerk begegnet zu sein, hat recht: Als Mitglied der aufmüpfigen Chemnitzer Künstlergruppe „Clara Mosch“ (1977 - 1982). Nun aber bietet sich eine Werkübersicht, die selbst den Künstler tief bewegt hat.