| 18:43 Uhr

Dieselkraftwerk Cottbus
Selbstbehauptung inmitten „Gerissener Fäden“

Gabriele Stötzer: Der Schrei 1987 79, Öl auf Holz
Gabriele Stötzer: Der Schrei 1987 79, Öl auf Holz FOTO: Gabriele Stötzer
Cottbus. Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst zeigt in Cottbus Werke von Gabriele Stötzer und Annette Messager. Von Ida Kretzschmar

Auf Webbildern grüßen ab heute Schlangen- und Feuerfrau die Ausstellungsbesucher im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus. Sie stammen von der 1953 in Thüringen geborenen Künstlerin Gabriele Stötzer. Die Eingangsmotive werden sich wiederfinden in ihren Keramikbildern, Objektinstallationen, in denen sie spielerisch der Poesie und der Architekturfrau, ja einer Fleischsäule begegnen.

Gabriele Stötzer, eine der prägendsten Künstlerinnen der Erfurter Subkultur in den 80er-Jahren, ist vielen besonders durch ihre eindringlichen, vielfach aus dem Schmerz gestampften Texte bekannt geworden, in denen sie sich mit ihren Erlebnissen in der DDR auseinandersetzt und die vor der Wende fast nur im Untergrund gedruckt wurden. 2002 kommt der Roman „Die bröckelnde Festung“ heraus über das Frauenzuchthaus Hoheneck, das sie wegen angeblicher Staatsverleumdung am eigenen Leib zu spüren bekam.

Wie ihre Literatur schöpft auch ihr bildnerisches Werk aus ihrer Biografie. „Stötzers Arbeiten werden davon beeinflusst, aber sie sind keine Illustration oder Dokumentation ihrer Biografie“, sagt die Direktorin des Landesmuseums, Ulrike Kremeier.

Eher sind es Zeugnisse der Selbstvergewisserung und der Selbstbehauptung, als sich viele Fäden in der Gesellschaft für Gabriele Stötzer als nicht haltbar erweisen. Sie wird nicht nur von der Pädagogischen Hochschule ausgeschlossen. Sie muss Einschüchterung, Willkür, Zuchthaus verkraften, weil sie gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann Unterschriften gesammelt hat, verliert Halt und Freunde. Und knüpft doch immer wieder neue Fäden und Netzwerke.

„Gerissene Fäden“ heißt auch die Ausstellung, die heute, 19.30 Uhr,  im Dieselkraftwerk Cottbus eröffnet wird und zwei Ikonen der feministischen Kunst präsentiert. Zu den Werken von Gabriele Stötzer gesellen sich zwei Arbeiten von Annette Messager, die zu den wichtigsten französischen Künstlerinnen der Gegenwart gehört. Was beide verbindet: Sie archivieren den Alltag. In der Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper befragen sie Rollenmuster und Klischees.

„Pénétration“ nennt Messager (Jahrgang 1943) eine Arbeit, auf der auf einem weißen Seidenkissen hauchfeine Klöppelspitze, rotgeäderte und schwarze Fäden einen Körper modellieren. Nach diesem subtilen Hinweis auf typisch weibliche Handarbeitstechniken gibt es von der französischen Künstlerin noch eine Anleitung: „Wie behandele ich eine Wunde?“ Ansonsten überlässt sie Gabriele Stötzer die Ausstellungsräume. Werke, die ästhetische Selbstfindung, Lust, Trieb und Spiel und autonome Weiblichkeit widerspiegeln.

Dreizehn Künstlerbücher aus Text, Fotos und Zeichnungen fertigte die Erfurter Künstlerin in den 80er-Jahren an. Wie ihre Super-8-Filme attackieren auch diese spielerisch, mit leicht sarkastischem Galgenhumor, Weiblichkeitsklischees. Da werden in „Gedankensplitter“ die Haare im Spitzkegel drapiert, an Goyas tanzende Derwische erinnernd. Oder sie fügen sich zu Sterntalern zusammen, zu buddhistischen Göttern, werden zu gezeichneten Silhouetten...

Besonders einprägsam ist die Urfrauengalerie. Faltige, spitznasige Gesichter, dem Tode nah und doch nicht geschlechtslos.

Ungeschönt sind ihre Darstellungen auch des eigenen Körpers.

„Es geht ihr nicht um klassische Ästhetik, sondern um Verletzlichkeit“, sagt Ulrike Kremeier und verweist auf immer wiederkehrende Mumien-Motive. Auf den Fotografien tauchen zusammengebundene Füße auf, verschlossene Münder, Körper, die sich nicht rühren können. Im Mackenbuch aber vollführt Stötzer gar mit Künstlerkolleginnen eine wahre Porno-Burleske. Eine Perlenkette verschwindet  im Rachen. Hat nicht Lady Gaga sehr viel später Ähnliches mit einem Rosenkranz probiert? Ulrike Kremeier hofft: „Ich finde, das Mackenbuch ist so großartig, dass es nicht ein Unikat bleiben sollte. Vielleicht können wir ein Heft daraus machen“.

Eröffnung heute, 19.30 Uhr, die Ausstellung ist bis 8. April geöffnet.

Annette Messager: Pénétration, 2002
Annette Messager: Pénétration, 2002 FOTO: Marc Domage
Gabriele Stötzer in der Ausstellung.
Gabriele Stötzer in der Ausstellung. FOTO: Marlies Kross