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| 18:06 Uhr

Neue Schau im Dieselkraftwerk
Klatscher und verkehrte Welten

Hans Ticha: Klatscher II, 1979/92, Öl auf Leinwand
Hans Ticha: Klatscher II, 1979/92, Öl auf Leinwand FOTO: Marlies Kross / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Cottbus. Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst zeigt ab heute in Cottbus Witziges und Politisches von Hans Ticha. Von Renate Marschall

Überdimensionale zum Klatschen erhobene Hände vor einem massigen Körper mit gesichtslosem kleinen Kugelkopf in Pop-Art-Farben – unverkennbar Hans Ticha, den viele zu DDR-Zeiten fast ausschließlich von seinen Buchillustrationen her kannten. Hätte er ausgestellt, was ab Samstag im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus zu sehen ist, „wären wir beide, Galerist und Künstler, wegen Verleumdung zu langen Gefängnisaufenthalten gekommen“, bekennt der Maler.

Zu offenkundig ist dessen ironischer Blick auf die für sich schon albern wirkenden Rituale der Macht in der DDR, den sozialistischen Ländern überhaupt. Hans Ticha erweitert auf Diktaturen. Das rhythmische Klatschen, Hochrufe auf Partei und Regierung, die erhobene Faust, eigentlich ein ausdrucksstarkes Symbol der Arbeiterbewegung, verkommen zur puren Geste. Der Mund des Redners ein schwarzes Loch zwischen gebleckten Zähnen.

„Von Klatschern und verkehrten Welten“ erzählt die Ausstellung, die bis zum 1. Mai Malerei, Grafiken und Buchillustrationen seit den frühen 70er-Jahren zeigt. Da sind einerseits die Klatscher, die Ticha in Varianten, mehr oder weniger ausgearbeitet, aber immer aufs Wesentliche konzentriert in unterschiedlicher Farbigkeit darstellt.

Dabei bedient er sich häufig der Grundfarben Rot, Gelb, Blau sowie Schwarz in Schattierungen. Ticha spielt mit Stilmitteln der Pop-Art bis hin zu Rasterflächen, die gemalt sind und nur wie Rastersiebdruck aussehen. Den Begriff Pop-Art wandelt er für sich ab in Agit-Pop, was seine Auffassung von Agitation und Propaganda, Agit-Prop, gut beschreibt. „Gegenstand meiner Arbeit ist im Wesentlichen die Selbstdarstellung der Herrschenden“, sagt er. Hans Tichas politische Kunst ist wenig subversiv, seine Haltung ist eindeutig. Für DDR-Bürger jedenfalls, die gelernt haben, auch nicht Gesagtes zu verstehen und in Bildern Hintergründiges zu suchen, sind seine Arbeiten eindeutig ironisch zu verstehen. Dass das im Westen nicht so ist, musste Ticha erfahren, als ihm sogar Systemnähe unterstellt wurde, weil Symbole wie Hammer und Sichel auftauchen. Es ist eben ein schwierig Ding mit der Ironie.

Auf einer der Arbeiten hat er gängige Losungen der Parteipropaganda wie auf einer Wandzeitung vereint: Plane mit, arbeite mit, regiere mit; dem Volke, hoch SED 99,9 %, Ehrenbanner, dazu Köpfe mit angesetzten Trichtern und wieder die Klatschenden Hände. 1983 gemalt, hätte allein dieses Bild dem 1940 im tschechischen Bodenbach geborenen und später in Leipzig aufgewachsenen Maler die Wende im Bautzener Gefängnis erleben lassen.

Er sei ein Maler, der sich mit Politik beschäftigt habe, der Fragen stellt, sagt Museumsdirektorin Ulrike Kremeier, die Kuratorin der Ausstellung, über Hans Ticha. Fragen, die gültig sind. Auch wenn Ticha nicht darauf abhebt. Mitläufer und Beifallklatscher sind eine nicht an politische Systeme gebundene Spezies, und unangenehme Typen reißen auch heute das Maul auf, durchaus in manipulativer Absicht mit immer den gleichen Parolen.

Hände sind Tichas Thema, nicht nur die klatschenden. Eine ganze Serie widmet sich geschickten Friseurhänden oder vielmehr denen der „Frisöse“, wie er ein Bild betitelt. Es sind witzige Bilder von Köpfen, an denen die Lockenwickler, von Händen makellos angeordnet, zum Blickfang werden. Auch hier spielt der Maler mit Farben, Formen, grafischen Elementen. Geradezu konstruktivistisch geht es in seinen Darstellungen der Arbeitswelt zu, etwa in dem Gemälde „Bohrmaschine mit Raucher“. Große Anerkennung erlangte Hans Ticha als Buchillustrator. Mehr als 25 seiner Bücher wurden als „Buch des Jahres“ ausgezeichnet. In Westdeutschland wurde er bekannt durch Arbeiten für die Büchergilde Gutenberg, wovon er allerdings erst nach der Wende erfuhr, wie er Ulrike Kremeier erzählte. Ohne sein Wissen waren die Arbeiten verkauft worden.

Stolz sei sie auf diese Ausstellung, sagt die Museumsdirektorin. Weil es die erste Einzelausstellung seit langer Zeit ist und ein Großteil der Arbeiten aus den eigenen Beständen stammt. Dazu kommen Leihgaben des Künstlers.

Ausstellungseröffnung heute, 19 Uhr im Cottbuser Dieselkraftwerk, Am Amtsteich 15, geöffnet bis 1. Mai, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Hans Ticha: Frisöse III, 1970
Hans Ticha: Frisöse III, 1970 FOTO: Ulrich Fischer / VG Bild-Kunst, Bonn 2018