Die Redaktion saß in Berlin, dem Zentrum der Modeszene. Gastautoren wie Aldous Huxley, Gottfried Benn oder Thomas Mann bestritten den Literaturteil.
Blickfang war die "Neue Typografie": der klein geschriebene Titel, schnörkelloses Design, klare Formen, Mut zur weißen Fläche, und große, oft angeschnittene Fotos. Ex-Bauhäusler Laszlo Moholy-Nagy und Herbert Bayer, Schüler von Kandinsky und Schlemmer, prägten das Erscheinungsbild. Ein Viertel des Umfangs machte der Modeteil aus. Dazu kamen Beiträge zum Schönen Wohnen und Schönen Leben, Reisetrends, Architektur, Unterhaltung.
Die Bauhaus-Sicht war unverkennbar. Das Titelbild der ersten Ausgabe vom September 1929 trägt die Handschrift von Laszlo Moholy-Nagy. Seine dadaistisch anmutende Fotomontage durchbricht alle damals gültigen Regeln der Covergestaltung. Blickfang ist eine perfekt von Kopf bis Fuß gekleidete modische junge Dame im Mantel mit bauschigem Pelzkragen, die durch eine mit Fensterkreuzen unterteilte zimmergroße Fensterfront hinaus auf eine verschneite Gebirgslandschaft schaut. Diese Mischung von kühler Eleganz, verhaltener Erotik, modernem Leben und Wohnen, Natur und Familie hielt auch in der NS-Zeit bis zur letzten 163. Ausgabe im März 1943, als Zeitschriften wie diese wegen Papiermangels eingestellt werden mussten.
Die elegante Dame war da schon lange aus dem Blickfeld des Lesers gerückt. In den Kriegsjahren wird sie von Stahlhelmsoldaten, Gewehrpyramiden, winterkalten Kriegslandschaften, surrealistischen Masken und Lorbeermotiven, verschwommenen Frauen- und Kindergesichtern abgelöst. Man spürt das krampfhafte Bemühen der Herausgeber, der NS-Zensur zu entgehen. Offene rassistische oder chauvinistische Töne gibt es allerdings nie. Der pflügende Bauer hinter einem zerschossenen Stacheldrahtverhau vom April 1941 oder die ährensammelnde Bäuerin vom Oktober desselben Jahres lassen jedoch heute den Gedanken an die Blut-und-Boden-Ästhetik des Nazireiches aufkommen. Eine Verbeugung, die wie eine Verbiegung aussieht.
Die letzte Ausgabe zeigt die Umrisse eines Wehrmachtssoldaten auf Wacht vor einer idyllischen Küstenlandschaft mit Leuchtturm und einem puttenhaften Kind auf grüner Wiese. Eine Massenzeitung ist "die neue linie" nie gewesen. Ihre durchschnittliche Auflage lag bei etwa 40 000 Exemplaren. Zielgruppe waren Frauen der intellektuellen Oberschicht, die sich den stolzen Preis von einer Reichsmark pro Ausgabe selbst in krisengeschüttelten Jahren nach dem berüchtigten Schwarzen Freitag leisten konnten.
Dem NS-Regime diente "die neue linie" als publizistisches Feigenblatt. Zur von Goebbels propagierten "Vielfalt in der Gleichschaltung" gehört auch die Tatsache, dass Walter Gropius noch 1935 für den Bauhausstil in der Architektur werben konnte. Die ungewöhnliche Geschichte des Magazins ist in einer packenden Sonderausstellung im Bauhaus-Archiv aufgeblättert, die Professor Patrick Rössler von der Philosophischen Fakultät an der Universität Erfurt gemeinsam mit Studenten unter dem Titel "Das Bauhaus am Kiosk" konzipiert hat. Die meisten Exponate stammen aus seinem Privatarchiv mit mehr als 10 000 Zeitschriften. Eine Fundgrube war für ihn die Entdeckung eines fast vergessenen Zeitschriftenstapels im Lager eines Antiquariats. Er wurde Ausgangspunkt seiner herausragenden wissenschaftlichen Studie, die sich in dem ausgezeichneten Katalog zur Ausstellung widerspiegelt.
(Bauhaus-Archiv, Berlin-Tiergarten, Klingelhöferstr. 14, bis 16. April tägl. außer Di 10-17 Uhr geöffnet, Telefon 030-25400243, Katalog 17,50 Euro)