Die Auszeichnung - unter Ägide des Bergbau- und Energieunternehmens - wird jährlich von einer Fachjury vergeben und ist mit einer Ankaufsgarantie von 8000 Euro für den Künstler verbunden.
Zu sehen sind Bleistiftzeichnungen und grafisch bearbeitete Fotografien. Der Hallenser Maler und Grafiker nennt seine Schau "Meine Zeichnungen sind ein bißchen zerwohnt".
Thema der Arbeiten sind das Alltägliche, die einfachen Dinge um uns, Stube, Fenster, Telefon, Bücher, Kisten, Regale, Musikkonserven, der Blick ins Freie, skurrile Vielfalt, zuweilen Naivität, aus der Perspektive geratene Stilleben, Schuhe, Briefe, Zettel - Botschaften des Lebens.
Seltsam: Meist kein Mensch zu sehen auf den Blättern, aber Atem zu spüren. Wer Astrid Lindgrens "Wir Kinder aus Bullerbü" noch kennt oder Elisabeth Shaws Buchillustrationen, wird Parallelen entdecken. Die Zeichensprache ist aus ähnlichem Vorrat geschöpft: Harmonie und der versöhnliche Blick auf das Nächstliegende, der praktisch fassbare Raum, die in Reichweite lagernden Begriffe.
Der Katalogtext versucht indes, eine bemühte Philosophie aufzubauen: "Die Multifunktionsräume Gerstengarbes stehen für die menschliche Existenz an sich . . " Mit solchen Sätzen sollte man sehr vorsichtig sein. Da greift man bei diesen Zeichnungen sichtbar zu weit und beraubt sich eines differenzierten Werturteils für jene Künstler und Kunstwerke, die wirklich am Existenziellen rühren - etwa Edward Hopper beim Dilemma des einzelnen Menschen oder Hieronymus Bosch bei der Entzauberung der Gesellschaft (um nur zwei zu nennen).
Nein, die Ästhetik dieser Bilder gründet sich auf ein naives Formgefühl, wie es auf ganz andre Art Henri Matisse zu einer gewissen Vollendung führte. Der Gewinn der Gerstengarbe-Blätter liegt in einer spezifischen Empfindung: Die Welt dieser Zeichnungen ist bewohnbar, weil nicht steril. Sie ist frei von Computerhybris und keimfreier Salonatmosphäre. Es ist die Hallenser Altbauwohnung des Künstlers. Da liegt die Verlängerungsschnur lose auf dem Boden; dann die Zettel an der Wand, das Handtuch über der Tür, alles nützlich, alles Details unserer Erfahrungen.
Freilich erwachsen diesen Zeichnungen keine prallen Sinnbilder oder "Erkenntnisse" für die so genannten "großen" Themen dieser Zeit. Das nur feststellend und wertungsfrei gesagt. Der österreichische Kulturphilosoph Paul Feyerabend sei dafür befragt. Er forderte einst von der Kunst, zum Erkenntnisgewinn beizutragen. Und er reflektierte in diesem Zusammenhang über das Phänomen, wie der Mensch vom Fakt zum Artefakt gelangt, vom Alltag zur Kunst und wieder zurück. Diesem Anspruch muss und kann Sebastian Gerstengarbe sich mit den hier präsentierten Bildern nicht stellen.
Vattenfall-Vorstand Dr. Hermann Borghorst bemerkte in seiner Eröffnungsrede trefflich, dass es nicht immer leicht sei, moderne Kunst zu beurteilen, sich nach Beschäftigung mit ihr aber Zugänge eröffnen können. Bei den "bißchen zerwohnten" Bleistiftzeichnungen mag das eine Orientierung sein. Während die bearbeiteten Fotografien in diesem Rahmen keiner Erörterung bedürfen, bestehen einige Zeichnungen durch holprig-spielerischen Reiz und Leichtigkeit. Es sind Inszenierungen, unvollkommene Illustrationen der alltäglichen Lebenswelt, angereichert mit Spitzweg'scher Liebenswürdigkeit.

Ausstellung bis 6. Mai, geöffnet Montag bis Freitag 8-18 Uhr, Katalog