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Damit du dich tagsüber besser verbiegen kannst

"Jetzt mal Arschbacken zusammen. . . Du hast meinen Job." Kann Patrick (Kai Börner, l.) diesen? Chef Frank (Amadeus Gollner, 2. v l.) ist ebenso interessiert wie v. l. Paula (Johanna-Julia Spitzer), Simone (Kristin Muthwill) und Tanja (Susann Thiede). Etwas ungläubig schaut Sascha (Thomas) Harms aus dem Hintergrund zu, während Sohn Jannick (Johannes Kienast, r.) wieder mal in seiner eigenen Welt versunken ist.
"Jetzt mal Arschbacken zusammen. . . Du hast meinen Job." Kann Patrick (Kai Börner, l.) diesen? Chef Frank (Amadeus Gollner, 2. v l.) ist ebenso interessiert wie v. l. Paula (Johanna-Julia Spitzer), Simone (Kristin Muthwill) und Tanja (Susann Thiede). Etwas ungläubig schaut Sascha (Thomas) Harms aus dem Hintergrund zu, während Sohn Jannick (Johannes Kienast, r.) wieder mal in seiner eigenen Welt versunken ist. FOTO: M. Kross
Cottbus. Das Schauspiel "Ich habe Bryan Adams geschreddert" des 1961 in Cottbus geborenen Dramatikers Oliver Bukowski hat Samstag seine Premiere im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus erlebt. Peter Blochwitz

Es ist alles angerichtet für eine zünftige Sommersonnenwende-Party. Frank (Amadeus Gollner), Chef eines mittelständischen Unternehmens, hat die Belegschaft eingeladen. Franks Gattin Tanja (Susann Thiede) ist bekannt für ihre schnellen Salate, der Grill wird angeworfen, reichlich alkoholische Getränke sind ebenso am Start wie eine feine Garteneisenbahn und eine später zu schreddernde Bryan-Adams-CD, der Pool fehlt auch nicht. Beste Stimmung. Bis Frank erklärt, er habe auch Christopher eingeladen.

Christopher? Der soeben dem "Lean Management" zum Opfer gefallen, also gefeuert worden ist? Jetzt braucht nicht nur Simone (Kristin Muthwill) einen noch kräftigeren Schluck, deren "Aggregatzustand" ihren Mann Patrick (Kai Börner) schon lange nicht mehr wundert ("Ich lebe in einer Ehe, nicht in einem Schlager!") . Und jetzt ist auch Fluglotse Sascha (Thomas Harms), der neue Freund von Paula (Johanna-Julia Spitzer) nicht mehr so wichtig.

Christopher! Das ungute Grundgefühl, das schlechte Gewissen! Wie könnte man ihm gegenübertreten? Dieses Thema wird den Abend beherrschen. Obendrein kommentiert der spätpubertäre Sohn des Hauses, Jannik (Johannes Kienast), Leben und Werk der Alten auf äußerst zynische Art und Weise. Dieses "kleine klugscheißerische Wikipedia-Frettchen" mit ADHS, arbeitet seiner "Wohlstandsverwahrlosung" entgegen, hält dabei der Elterngeneration den Spiegel vors Gesicht. Er würde ja gerne, aber: Vielleicht liegt seine Aufmerksamkeitsstörung daran, dass es gar nichts gibt, was die Aufmerksamkeit lohnt?

Oliver Bukowskis Stück "Ich habe Bryan Adams geschreddert" in der Regie von Schauspieldirektor Mario Holetzeck hat langsam Fahrt aufgenommen, um dann in einem Höllentempo seine Figuren zu demaskieren. Sie reißen sich selbst und den anderen die Masken runter: "Morgens schon Yoga, damit du dich tagsüber besser verbiegen kannst!" Chef Frank zu Möchtegern-Chef Patrick: "Jetzt mal Arschbacken zusammen. Sei eine Führungskraft! Du hast meinen Job. Und da sitzen sie nun. Sieh sie dir an, und wähle aus, wer gehen muss."

Da vergeht einem das Lachen, das schon die ganze Zeit nicht so recht befreien konnte. Dramatiker Oliver Bukowski hält mal wieder erbarmungslos den Finger in gesellschaftliche Wunden. Haben wir noch eine gerechte Gesellschaft? Gilt der Generationenvertrag noch? Ist die Rente sicher? Wer ist noch gefeit vor Arbeitslosigkeit? Sind nicht längst existenzielle Ängste die Haupttriebkraft des Handelns? Wollen wir deshalb lieber keine Kinder mehr? Und auch, weil sie nicht so werden sollen wie wir? Wie sind wir eigentlich? Warum sind wir so geworden? Einer will besser sein als der andere, selbst auf einer Party? Funktioniert der Mittelstand noch - und wie definiert er sich überhaupt? "Für die da oben sind wir Ballastsäcke, für alle anderen nur die Arschlöcher in Anzug und Kostüm." Ist es so? "Und sie haben Recht, alle beide. Uns weint keiner eine Träne nach."

Du liebe Güte.

Ein starkes Stück. Als wäre es extra geschrieben für die aktuelle Staatstheater-Reihe "Deutschland - Wunder und Wunden". Unbedingt ansehen! Das ist gegenwärtiges Theater, das ist Diskussion, das sind Denkanstöße. Die sich die Figuren dann kurz auch selbst geben: Was würdet ihr tun, wenn sie euch entließen? Dann würden sie vielleicht ihre Träume umsetzen - oh ja, sie haben doch noch Träume, wenngleich die in gut gesicherten Schließfächern gefangen sind.

Kristin Muthwill, Johanna-Julia Spitzer, Susann Thiede, Kai Börner, Amadeus Gollner Thomas Harms und Johannes Kienast spielen das mit Verve, wobei Kienast mit seiner Rolle als Sohn Jannik auf besondere Weise glänzen darf. Er soll auch das böse letzte Wort haben: "Ihr werdet untergehen. Erst das Industrieproletariat, jetzt ihr, der Mittelbau, ganz großes Saurier-Sterben . . ."

Die nächsten Vorstellungen: Mittwoch, 15. April, und Donnerstag, 30. April, jeweils 19.30 Uhr, Großes Haus am Cottbuser Schillerplatz. Tickettelefon: 0355/7824 24 24.