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| 20:11 Uhr

Interview mit Gitte Haenning
Sie will noch immer alles – und doch mehr

 Wandelt vom Schlager über Pop zum Jazz – Gitte Haenning.
Wandelt vom Schlager über Pop zum Jazz – Gitte Haenning. FOTO: Frank Wartenberg
Senftenberg. Dänemarks größter Musik-Exportschlager Gitte Haenning tritt am Samstag im Amphitheater Senftenberg auf. Von Heidrun Seidel

Sie will alles, sie ist stark, heimatlos melancholisch, braucht Salz in der Luft und warnt: Freu dich bloß nicht zu früh. Ganz ohne Cowboy als Mann kommt die quirlige Dänin Gitte Haenning mit ihrer Band und dem Programm „Meine Freunde, meine Helden, Ihre Gitte“ am 29. Juni ins Amphitheater an den Senftenberger See.

Sie feiern an diesem Tag Ihren Geburtstag.

Haenning Ach, das Konzert ist an meinem Geburtstag? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Na ja, ich werde dann ein bisschen mit meiner Band im Bus sitzen, vielleicht mit einem weichen Crémant von der Loire. Ich bin so viel gefeiert worden, ich brauch keinen großen Rummel. Das ist mir unangenehm.

Aber Sie haben allen Grund zum Feiern: 65 erfolgreiche Bühnenjahre von 73 Lebensjahren. Das ist ja kaum zu fassen. Wie war das als Kinderstar?

Haenning Eigentlich wollte ich das gar nicht werden. Ich komme aus einer Künstlerfamilie in Aarhus in Dänemark. Mein Vater hat Musikunterricht gegeben und verstand sich als Troubadour. Doch damit war nicht viel Geld zu verdienen. Und da hatte jemand die Idee, dass wir im Duett singen. Meine große Schwester hätte das gern übernommen, aber sie war mit 13 Jahren schon zu alt für einen Titel, in dem es heißt, „Wenn ich groß bin, heirate ich Papi“. Also musste ich 1954 ran, der Familie ging es danach finanziell besser und mein Weg war bestimmt.

„Ich will einen Cowboy zum Mann“ war Ihr Start in Deutschland, legendär für die Generation in den 60er-Jahren. Später dann erzählten Ihre Texte immer mehr Geschichten. Es heißt, sie tragen auch autobiografische Züge, zum Beispiel auch „Ich will alles“.

Haenning Ja, das stimmt. Es war, glaube ich, 1983. Ich habe dem Texter ein dänisches Liebensgedicht übersetzt, um ihm zu zeigen, welche Gedanken mich bewegen. Ich will keine Liebe oder Sex aus Gewohnheit. Ich will, dass es brennt. Nur so will ich Liebe empfangen. Und so ist das Lied entstanden, das das erzählt.

Und Ihre Interpretation ist bei diesem und anderen Liedern auch im Laufe der Jahre immer radikaler und konsequenter geworden.

Haenning Konsequenter bestimmt. Ich lebe mein Leben in Blöcken, immer so für zehn Jahre. Was will ich in dieser Zeit erreichen? Meine Philosophie ist, wenn ich Bilder vor mir habe, dann ist es leichter, die Kraft aufzubringen, sie zu verwirklichen. Mir hilft das recht gut. Genauso hole ich aber auch Kraft aus Büchern. Ich lese gern und viel. Geschichten, die einen festigen fürs Leben. Ich bin entsetzt, wenn junge Leute heute sagen: Ich lese keine Bücher. Was ihnen alles entgeht!

Ihre Lieder handeln oft von starken Frauen. Ist die Emanzipation der Frau in Skandinavien selbstverständlicher als in Deutschland?

Haenning Das denke ich schon. In Deutschland ist das Patriarchat viel stärker verwurzelt. Selbst bei den Jungen ist das so. Darauf wollte ich auch in meinen Liedern reagieren. Ich denke, die Skandinavier haben eine längere Tradition, dass sich Frauen und Männer auf Augenhöhe begegnen. Daran hat der dänische Reformator Grundtvig im 18. und 19. Jahrhundert Anteil. Und wenn wir noch weiter zurückgehen: Sogar schon bei den Wikingern haben die Frauen mehr Verantwortung getragen, und es zählte der Respekt der Geschlechter voreinander.

„Ich bin stark“, singen Sie in einem Ihrer Lieder, in dem Sie sich nach Niederlagen auch selbst Mut machen. Kämpferisch, unabhängig. Sie sind im Laufe Ihrer Karriere immer mal andere Wege gegangen, haben in Filmen, in Musicals, in Theatern gespielt, sich immer wieder weiterentwickelt und Ohrwürmer produziert. Einer dieser Wege ist auch der Jazz.

Haenning Der ist mir ja auch förmlich in die Wiege gelegt worden von meinem Vater. Bei uns zu Hause wurde sehr gute Jazzmusik gepflegt. Er ist intellektueller, aus meiner Sicht musikalischer und nicht auf Kommerz ausgelegt. Schlager haben einfachere Harmonien und sind dadurch populärer. Aber ich halte es mit Leonard Bernstein: Egal welches Genre, es gibt nur gute oder schlechte Musik.

Nach Senftenberg kommen Sie mit dem Programm: „Meine Freunde, meine Helden, Ihre Gitte“. Was erwartet die Zuschauer?

Haenning Es ist so eine Art Hommage an jene deutschen Künstler, die wichtig für mich waren. Als ich mit 17 nach Deutschland kam, habe ich die Welt nicht verstanden. Die Mentalität in der deutschen musikalischen Landschaft war steif und nicht besonders sexy. In Skandinavien hatte ich eine ganz andere Mentalität im Musikgeschäft kennengelernt. Als ich dann Udo Lindenberg erlebte, damals noch als Schlagzeuger bei Doldinger, wusste ich, es gibt auch andere, lockere, entspannte Typen und war erleichtert: So schlecht kann es hier nicht sein. Oder Helge Schneider: So ein Musikclown braucht gar nichts zu machen, da muss ich schon lachen. Das kommt auch meinem Selbstverständnis nahe: Auch ich verstehe mich im Dialog mit dem Publikum durchaus als Clown. Das gibt mir Bewegungsfreiheit in der Palette des Lebens zwischen Komik und Tragik. Und auch Rio Reiser ist für mich so ein Held. Ich werde Lieder dieser Künstler singen und davon erzählen.

Und keine Ihrer Lieder?

Haenning Doch schon, aber nicht all die üblichen, die kann man sich kaufen. Ich will doch nicht wie eine versteinerte Ikone daherkommen.