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| 18:59 Uhr

Dämmerung mit Grieg und Haydns Papagei

Lyrikerin Susanne Stephan in Burg.
Lyrikerin Susanne Stephan in Burg. FOTO: Michael Helbig/mih1
Burg. Unter dem vielversprechenden Titel "Haydns Papagei" las die in Stuttgart lebende Lyrikerin Susanne Stephan am Mittwochabend im Burger Hotel Bleiche Gedichte über Musiker, Musik, die Pracht der Magnolie und die kleinen Dinge des Lebens. Renate Marschall

Sie ist der Frühling, wird Susanne Stephan angekündigt. Ein etwas zweifelndes Lächeln huscht über ihr Gesicht - aber es stimmt schon: Sie ist die Frühlingsstipendiatin des Spreewald-Literatur-Stipendiums, das in jedem Jahr mehreren Schreibenden die Möglichkeit gibt, in der Spreewaldidylle vier Wochen lang in Ruhe zu arbeiten. Kost und Logis sind frei. Dass das mit dem ungestörten Schreiben funktioniert, haben schon zahlreiche Autoren bewiesen, die Ergebnisse ihres Aufenthaltes hier vorstellten. Susanne Stephan ist die 30. Und auch sie spürt schon - zehn Tage ist sie jetzt in Burg - wie die Atmosphäre auf sie wirkt.

"Ich kann hier sehr gut schreiben", erzählt sie, die gerade an einem neuen Gedichtband arbeitet. "Der Verlag drängelt schon." Nachdem sie bereits Tankstellengedichte, auch über Blumenmaler und Rosentaucher veröffentlicht hat, soll es diesmal um Musiker gehen. "Nicht so sehr um die Musik", erklärt Susanne Stephan, "sondern mehr um Details aus deren Leben." Wie eben um Haydns Papagei.

"Er fand ihn auf dem Markt in London:/ ein Papageienvogel grau in grau,/ doch mit leuchtend rotem Schweif/ wie aufgetaucht aus einem Kontinent des reinen Klangs,/ in diese irdische Ordnung,/ wo die Worte ohne Farbe,/ eine bloße Mechanik, Automaten-Geplapper. . ." Im Auge dieses Papageien lässt die Dichterin die äußere wie die innere Welt spiegeln: den Trubel des Marktes wie Haydns Jahre als Hofmusiker auf dem Landsitz der ungarischen Adelsfamilie Esterhazy, in denen er seine Einsamkeit beklagte. ". . . und gütiges Bei-sich-Sein möglich nur in der Musik". . ., heißt es im Gedicht über jenen Mann, der die Kaiserhymne der Habsburger komponierte, die später mit dem Text von Heinrich Hoffmann von Fallersleben zum Lied der Deutschen wurde.

Anlass für ein Gedicht über Franz Schubert gab dessen letzter Brief an einen Freund. Bereits todkrank erbittet er sich ein neues Buch des "Lederstrumpf"-Erfinders James Fenimore Cooper. Ein Buch, das zu spät kommen wird, weil es noch nicht auf dem Wege, ja noch nicht einmal geschrieben ist. Vergebens das Bemühen wie manch anderes auch, wenn der Tod schneller ist.

". . . aufsteigender Wohlklang", schreibt sie über Beethovens Kompositionen - Triumph des Musikers über seine fortschreitende Gehörlosigkeit.

Und dann geht es doch noch um ein Musikstück: Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen, die zeitgenössischen Berichten zufolge im Auftrag des Bach-Freundes und russischen Gesandten am Dresdner Hof, Graf Hermann Carls von Keyserlingk, entstanden. Johann Gottlieb Goldberg, ein sehr begabter, in Diensten des Grafen stehender Cembalist, sollte seinem Brötchengeber daraus vorspielen, wenn der nachts nicht schlafen konnte. ". . . er spielt sehr genau das Thema hörst du/ aus dem Bass steigt es auf/ nichts ist stärker als die Anziehung/ eines guten Themas es schafft eigene Planeten/ Berge, Meere bewohnbares Land. . ."

Was Susanne Stephan für die Musik beschreibt, gilt auch für ihre Gedichte, die im weiten Zugriff auf die Welt ungewöhnliche Gedankenverbindungen schaffen und so einen neuen Blick auf das, was Leben ist, bieten. "Gedichte sind Fotos, die keiner gemacht hat", sagt Susanne Stephan. Mit Worten leuchtet sie den Raum tiefer aus als manches Blitzlicht. Das schafft sie, indem sie Gefühle weckt, das Alltägliche zum Besonderen erhebt. "Dämmerung mit Grieg" heißt ein Gedicht, in dem sie sich in ihre eigene Kindheit zurückversetzt. "Kaum höre ich ein paar Takte: Solveigs Lied,/Hochzeit auf Troldhaugen,. . . spüre ich wieder die Wolle, den rauen Pullover,/ wird es wieder Abend,/ Stunde zwischen fünf und sieben, Zeit für Hausaufgaben: negative Zahlen. . . Klavierübzeit, während das Licht/ abnimmt zwischen den Tönen. . . "

Auf die Frage, warum sich die ehemalige Lektorin gerade für Lyrik entschieden hat, antwortet sie: "Weil sich selbst alltägliche Dinge in schöne Worte fassen lassen, sie etwas Magisches haben." Ihre Gedichte und die von ihr so geliebten Haikus, drei Zeilen mit vorgegebenen Lauteinheiten, bestätigen sie. Was nicht bedeutet, dass sie nicht auch ein Romanprojekt in der Schublade hat. Wenn der Gedichtband fertig ist, dann. . . Dann will sie ja auch über ihre Zeit im Spreewald schreiben, vielleicht die Sagengestalten, die sich ein Plätzchen in ihrer Fantasie gesichert haben, zum Leben erwecken. In einer Geschichte oder Gedichten? Es wird sich zeigen, in welche Form sich die Worte kleiden. Weitere Lesung von Susanne Stephan in der Burger Bleiche: 18. März, 18 Uhr: Das Zimmer der Livia. Neue Gedichte zu Eindrücken in Italien und Frankreich.