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| 14:27 Uhr

Neue Ausstellung im Dieselkraftwerk
Micky-Maus-Pillen gegen die Traurigkeit

Steffen Mertens vor seinem Werk „Homo archaikus digitalis“, Blech kaschiert mit Tuschezeichnung.
Steffen Mertens vor seinem Werk „Homo archaikus digitalis“, Blech kaschiert mit Tuschezeichnung. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Der Cottbuser Künstler Steffen Mertens präsentiert sich im Landesmuseum für moderne Kunst als „Zeichner der Besten aller Welten“. Von Ida Kretzschmar

Alles dreht sich um die weltbekannte Micky Maus. Oder doch nicht? Eigentlich ist sie ja der Ausreißer der Ausstellung, die sich vor allem dem zeichnerischen Werk von Steffen Mertens widmet, wie Kuratorin Carmen Schliebe bemerkt. Aus der Ferne sieht die berühmte Disney-Figur aus wie ein Planetensystem. Extra für die Schau entstanden könnte sie also genauso gut diese irrwitzigen, vielschichtigen Werke umkreisen, die sich derzeit im Landesmuseum tummeln. Rückt man näher heran, öffnet sich ein ganz anderer Kosmos. Zerstörte Behausungen fliegen dem Betrachter entgegen, die Apokalypse hat längst begonnen. Die Rückseite indes ist noch nicht ganz frei von lebendigen Wesen. Einzeller sind zu entdecken zwischen umgestürzten Bäumen, Rückstände menschlicher Gerätschaften, skelettierte Gesichter, die sich langsam in einer ungeheuren Flut auflösen. Und dazwischen eine winzige Micky Maus, die strampelnd versucht zu schwimmen. Vielleicht, so hofft man, doch nun ein wenig erheitert, wird sie ja gar nicht untergehen.

Als Steffen Mertens’ „Micky Maus Planetarium“ schon fertig war, machte ihn seine Frau Barbara Martin, jahrzehntelang war sie Herrin über die Plakatkunst in diesem Museum, auf Ludwig Hirsch aufmerksam. Dieser fabulierte Ende der 1970er-Jahre in einem seiner „dunkelgrauen Lieder“, wie nach dem großen Knall fremde Wesen auf die Erde kommen und Pillen gegen die Traurigkeit verschenken wollen. Da entdecken sie einen Micky-Maus-Film. Und die Fremden „werden in ihr Raumschiff steigen und sagen, sie waren lustig, diese Menschen“, heißt es darin.

„Das Paradoxe fasziniert mich. So ein einziges Grauen, wie ich es in der arabischen Kunst oft entdeckt habe, umgeben von einer heiteren Note“, bekennt Steffen Mertens. Der vielseitige Künstler präsentiert sich bis November im Landesmuseum für moderne Kunst als „Zeichner der Besten aller Welten“. Eine hintergründige Anspielung auf eine satirische Novelle Voltaires, in der er sich mit den Gegebenheiten seiner Zeit auseinandersetzt.

Rund 50 Arbeiten aus drei Jahrzehnten sind im oberen Raum des Schalthauses im Dieselkraftwerk von dem gebürtigen Rathenower Steffen Mertens zu sehen, der seit 30 Jahren in Cottbus und Klein Döbbern zu Hause ist. Als Bildhauer, Maler und vor allem Zeichner fängt er die Schwingungen und Erschütterungen menschlichen Daseins ein.

Im Herbst feiert er seinen 75. Geburtstag. Vier mit Tusche und Feder ausgeführte Arbeiten hat er dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst zum Geschenk gemacht. Natürlich haben sie auch in dieser Ausstellung ihren Platz. Dazu gehören der „Freigang der Gaukler“ und „Der Narrenzug“ – Bilder, die von seiner Sympathie, ja Verwandtschaft zu jenen zeugen, die etwas abseits der Gesellschaft stehend, ihr mit Schalk im Nacken den Spiegel vorhalten. Im Grunde ist er selbst ein Gaukler, der mit „verspinnertem Strich“, wie er ihn nennt, zwischen Melancholie und Humor balanciert. „Weinen und Lachen liegen im Leben oft dicht beieinander. Manchmal vermischen sie sich, was den Spaß verbittert und das Leiden versüßt. Das ist auch beim ,Zeichner der Besten aller Welten’ so“, hat der Berliner Kunstwissenschaftler Ulf Jacob schon bei der Ausstellungseröffnung deutlich gemacht.

Mertens schöpft in seiner varian­tenreichen Bildsprache aus einer Fülle von medialen, kunsthistorischen, religiösen, mythischen und literarischen Bezügen, aber ebenso aus dem schnöden Alltag, einer ihn bedrängenden Wirklichkeit. Sein „Ikarus in BILD“, 2005 entstanden, ist kein einsamer gefallener Himmelsstürmer. Um ihn herum herrscht Gewimmel. Nichts entgeht dieser sensationslüsternden Masse. Rettungssanitäter, Kameras und Medien überschlagen sich in Betriebsamkeit, und doch scheint dieser Held von aller Welt verlassen.

Einen Mythos unserer Zeit greift er in seinem „Homo archaikus digitalis“ auf. Er zeigt diese um sich greifende Spezies in ihrem Allmachtswahn, beruhend auf dem binären Zahlencode von 0 und 1. Und zugleich in ihrer Beschränktheit, die sie auf ihr Menschsein zurückwirft.

Bei aller Vielfalt dieser Kunst sind gemeinsame Wesenszüge auszumachen. Alles fließt. Alles verändert sich, formt sich um, tritt in anderer Gestalt und Farbkraft hervor. Nichts bleibt wie es ist. Aus Gesichtern wachsen Landschaften, Landschaften werden zu Porträts. Aus geschredderten Banknoten wird eine Bank zum Ausruhen. Aus der grauen Masse treten Menschen hervor. Nichts ist wie es scheint. Aus Witz wächst Wehmut. Aus Schönheit wird Grauen. Steffen Mertens’ Kunst verlangt nicht den flüchtigen Blick, sondern nähere Betrachtung. Vor alles aber Sinn für Satire. Auch für edles, handgeschöpftes Papier. Oder einfach Baumwollzellulose. Daraus hätte genauso gut ein Hemd entstehen können, zeigt der Künstler.

An einer Wand sind Dutzende Zeichnungen gleichsam zu einem Depot aufgeschichtet. Übereinandergelegt. Sich gegenseitig verdeckend, ein Perpetuum mobile der verschiedensten Techniken. Farben, die direkt aus dem Papier kommen. Tuschmalerei von mystischer Tiefe, zarte Andeutungen wie aus einem Skizzenbuch. Ein Selbstbildnis aus den 80ern ist darunter, ein Gaukler gar mit Ohren von Mr. Spock aus der legendären Enterprise...

An der Wand gegenüber eine Federzeichnung und Collage „Zeitalter des Zorns“ – ein Thema, das ihn umtreibt. Wie auch in „Quo vadis“ verbreitet sich darauf ein wahres Tohuwabohu, ein heilloses Durcheinander, Gewimmel und Gewühle. Menschenmassen, getrieben von Protest und Hass, uniformierte Gewalt. „Es wird geschoben und gedrückt, mitgeschwommen, marschiert und rebelliert“, wie es Ulf Jacob beschrieb.

Und doch: Inmitten des Grauens blitzt in Mertens’ Werken immer wieder die Hoffnung auf eine menschengerechte Welt auf, eine Prise Leichtigkeit und feine Ironie, die seine Arbeiten so unverwechselbar machen. „Selbst den Schilderwald neben der Fluchttür im Ausstellungsraum nimmt er auf die Schippe“, macht Kuratorin Carmen Schliebe aufmerksam. Neben den Feuerlöscher hat er einen leeren Benzinkanister gehängt und zur Kuckucksuhr umfunktioniert: „Vor dem Urknall ist nach dem Urknall“. Da ist auch diese Skulptur aus Mertens’ Garten. „Ersiees. Ganz bei sich“, hat er sie genannt und darauf bestanden, dass die Hinterlassenschaft der Vögel nicht entfernt wird.

Auch Bezüge zu Arbeiten von Thomas Herrmann, der zur Cottbuser Kunstszene gehörte und mit 28 Jahren den Freitod wählte, finden sich. „Mir gefällt, dass wir gleichzeitig hier im Schalthaus ausstellen. Wir kannten uns, Werke von mir sind auch in Herrmanns Künstlerbuch enthalten. Und ich habe mich gefreut, die Familie wiederzutreffen“, sagt Mertens. Zufällig gibt es noch einen weiteren Bezug zu jener Ausstellung, die den Titel „Loch ist Hoffnung“ trägt. Mertens hat mit Gedichtzeilen von Ernst Jandl gespielt. Herausgekommen ist eine witzige Prägearbeit: „Loch doch“.

Ausstellung im Landesmuseum für moderne Kunst, Dieselkraftwerk Cottbus, bis 4. November