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| 17:01 Uhr

Doppelausstellung
Großes Kino auf der Mal-Leinwand

 Günther Rechn vor seinem Werk „Tumult im Paradies“
Günther Rechn vor seinem Werk „Tumult im Paradies“ FOTO: Walter Schönenbröcher
Günther Rechns Kunst lässt sich gleich an zwei Orten in Cottbus bewundern. Anlässlich seines 75. Geburtstages widmen dem prominenten Cottbuser Künstler die Pückler-Stiftung gemeinsam mit der Sparkasse Spree-Neiße eine Doppelausstellung. Von Ida Kretzschmar

Übermütig geleitet der Fürst höchstpersönlich die Besucher der Ausstellung von Günther Rechn in den Marstall. Die Farbe ist noch fast frisch auf diesem Bild, auf dem der Gartengestalter und Lebenskünstler Pückler auf Stelzen in seinem Gartenreich Branitz umherwandelt.

„Ich wollte keine Retrospektive gestalten, sondern zeigen, was mich beschäftigt“, sagt Günther Rechn. Und so stammen alle der rund 40 Bilder, die seit dem 18. April 2019 im Park Branitz zu sehen sind, aus den vergangenen 20 Jahren. Wobei eine Retrospektive aus fünf Jahrzehnten von einem Maler seines Formats durchaus auch im Landesmuseum für moderne Kunst für spannenden Gesprächsstoff sorgen könnte.

Während in Branitz nun Kreatürliches in Öl auf Leinwand dominiert, sind es in der Hauptstelle der Sparkasse Spree-Neiße überwiegend Zeichnungen auf Papier. Sie zeigen, miteinander korrespondierend, verschiedene Facetten des Schaffens eines der „bedeutendsten Künstler der Region“, wie Gert Streidt betont. Besonders beeindruckend für den Direktor der Pücklerstiftung ist, „wie vital und rastlos Günther Rechn noch mit 75 Jahren künstlerisch tätig ist und sich immer wieder Neuem stellt“. Und da das Werk so vielfältig ist, gibt es nicht nur eine Doppelausstellung, sondern auch gemeinsam mit der Sparkasse einen Katalog.

Obendrein hat der Fotograf Walter Schönenbröcher in der Werkstatt des Künstlers einen Film gedreht. Mit 3D-Brille können die Ausstellungsbesucher hier in dreidimensionalen Bildern Günther Rechn bei der Arbeit zuschauen.

Seit Jahrzehnten inspiriert die Parklandschaft Pücklers Günther Rechns Malkunst. Sinnlich erlebte Natur, die sich im Zeichen des expressiven Realismus, mit seiner ganz persönlichen Wahrnehmung, mit Leidenschaften und Sehnsüchten verbindet. Einige dieser Werke werden ins Schloss ziehen. Zur Parkseite hin, damit sie Zwiesprache halten können mit den Baumriesen und der grazilen Venus auf der Insel im Schlosssee. Rechn hat die Schöne im flirrenden Licht des bläulich erwachenden Morgens porträtiert.

Sein besonderes Faible für die Farbe Blau ist hier allgegenwärtig. Kein Blau gleicht dem anderen. Fahl und kühl, widerspenstig gar und doch beeindruckend in den sich verschlingenden kahlen Ästen wirkt dieser „Feigenbaum im Winter“ mit seinem undurchdringlichen Geäst – eines der beeindruckendsten Werke dieser Ausstellung in Branitz. Der Maler hat den Ort selbst besucht. Die Legende besagt, dass dort Troja-Forscher Heinrich Schliemann begraben liegt, erzählt er.

Farbe in emotionaler Trägerschaft dient Rechn als wichtigstes Gestaltungselement. Die Stimmung an einer Elbfähre hat er in der magischen blauen Stunde, in der sich Tag und Nacht begegnen, in einem Triptychon festgehalten. „Dort war ich überraschend mit meinem Sohn Urs gelandet. „Ich schöpfe aus dem Erlebten. Egal ob optisch oder literarisch“, erzählt der Künstler.

Und so begegnet man auch dem Eisvogel oder Rechns Enkelin im weißen Kleid, ebenso seiner Tochter Isa mit ihrer Flöte im Atelier des Vaters. Und nicht nur im ausgelassenen „Märkischen Fest“ den Schnurrbartspitzen des Meisters persönlich.

Die unglaubliche Blütenfülle der Amaryllis überredet seinen Pinsel immer wieder zum Tätigsein. Komponierte Stillleben wie ein in satten Farben überquellender Blumenstrauß. Nicht weit davon ein Notenblatt, auf dem Schwalben den Takt angeben. Großformatig beschreibt er einen „Tumult im Paradies“, um an anderer Stelle Mischwesen der griechischen Mythen Raum zu geben und männerfressenden Ungeheuern.

Wie manch andere Zeitgenossen, hat er auch den Schauspieler Michael Becker porträtiert. Wobei der die Welt umarmende Geschichtenerzähler wohl nichts dagegen hat, dass der Maler in seiner Nachbarschaft ein Affen-Reservat eingerichtet hat.

Hier darf Rechns große Leidenschaft für Tiere und Natur galoppieren. Der Marstall ist genau der richtige Ort, diese großflächig in Bildern auszustellen. Auf einer Treppe lässt sein Hund alle Viere grade sein. „Joe strukturiert mein Leben“, bekennt der Maler. Dabei gilt die Maxime: „Kein Tag ohne Strich!“

Rechns Meisterschaft speist sich nicht nur aus Erlebtem. Dynamik bestimmt seine Formensprache, die sich nicht bremsen, nicht festlegen lassen will und doch den Moment des plötzlichen Stillstands mitten in der Bewegung unnachahmlich einzufangen versteht.

Und so setzen sich bewegte Bilder in seinem Hirn fest, ein nahezu fotografisches Gedächtnis, das allerdings keine feste Vorstellung vom fertigen Bild produziert: „Mit dem ersten Pinselstrich beginnt das Abenteuer, es wird übermalt, Figuren ändern auch mal ihre Position. Irgendwann tritt dann das Substrat hervor, das durchs Sieb geflossen ist. Aber fertig gemalt ist das Bild nicht. Es muss immer noch etwas offen bleiben“, beschreibt der Willi-Sitte-Schüler, der an der renommierten Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein studiert hat, seinen Arbeitsprozess. Wobei hinter Rechns unverwechselbarer satten und vollen Malerei stets seine leicht skizzierende Hand erkennbar bleibt.

Im Branitzer Marstall, dort, wo einst die herrschaftlichen Pferde untergebracht waren, stürmen nun feurige Rösser dem Besucher von der Leinwand entgegen, sodass man ihnen unwillkürlich Platz machen möchte, um nicht überrannt zu werden. Aber nein, sie scheinen sich zu einem Turm zu formieren. Eine angedeutete Verbeugung vor Franz Marcs verschollenem Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“. Und doch typisch Rechn in dieser unglaublichen Dynamik, in der urplötzlich gestoppten Bewegung.

Das ist das Markenzeichen des seit 2012 in Cottbus lebenden Künstlers – großes Kino auf der Mal-Leinwand.

Doppelausstellung an zwei Orten: im Marstall, Park Branitz bis 29. September, täglich 11-17 Uhr. In der Sparkasse Spree-Neiße am Cottbuser Breitscheidplatz bis 31. Mai, während der Öffnungszeiten.

 Günther Rechn vor seinem Werk „Tumult im Paradies“
Günther Rechn vor seinem Werk „Tumult im Paradies“ FOTO: Walter Schönenbröcher