„Es ist vorbei, bye, bye“, hören die Konzertbesucher im Foyer der Mercedes-Benz Arena in Berlin Rio Reiser traurig singen und sind dennoch bestens gelaunt: „Er ist der Fan“ zeigt Detlef auf seinen Kumpel: „Ja, stimmt, bin im Prenzlauer Berg mit City aufgewachsen“, sagt der 52-jährige Reno, der die Band vor sechs Jahren zum letzten Mal live auf der Bühne sah: „Das Abschiedskonzert will ich mir nicht entgehen lassen.“ Weit über zehntausend Zuschauer sehen das in der nahezu ausverkauften Konzerthalle offenbar ähnlich.
Pünktlich um 20.00 Uhr werden die vier City-Bandmitglieder plus Tour-Schlagzeuger Roger Heinrich angekündigt, zeitnah geht’s bombastisch los: Beethovens 9. Sinfonie („Freude schöner Götterfunken“) erklingt in einer mit Gitarren und Keyboards intonierten Rockversion. Sechs lichtstarke Spots fluten die Arena und die Zuschauer sitzen gebannt wie im Kino auf ihren Sitzplätzen.
„Die Hymne“ (Come Together) eröffnet nach dem Classic-Rock-Intro den vorletzten Auftritt der 1972 in Prenzlauer Berg von Gitarrist Fritz Puppel und dem verstorbenen Schlagzeuger Klaus Selmke gegründeten Band.
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Kraftvoll die Gesangsstimme vom 73-jährigen Frontmann Toni Krahl auch beim zweiten Song „Die Sonne geht auf“. Beide Lieder sind Spätwerke vom neuesten Album „Die letzte Runde“: Ein Doppelalbum mit aktuellen Songs und alten, von Musik-Kollegen neu interpretierten City-Klassikern aus sage und schreibe fünf Jahrzehnten Bandgeschichte.
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Da gibt es einiges zu erzählen und Krahl lässt sich nicht lumpen. Doch bevor es ganz weit in die Historie zurückgeht, holt „Amerika“ vom Album „Keine Angst“ aus dem Jahre 1990 die ersten Rockfans und ihre Enkelkinder von den Stühlen. Das Gitarrenspiel des bald achtzigjährigen Urgesteins Puppel glänzt wie sein silbern glitzernder Cowboyhut und die Violine vom erst 72-jährigen City-Geiger Georgi „Joro“ Gogow ist schlicht ein Hochgenuss.

Silly-Gitarrist rockt gemeinsam mit City ihre größten DDR-Hits

„Es gab auch ein Leben vor am Fenster“, stellt Glatzkopf Krahl auf der Bühne klar und holt den ersten Gaststar auf die Bühne. Zusammen mit dem sehr langhaarigen, großen blonden Uwe Hassbecker rocken City ihre alten DDR-Hits „Es ist unheimlich heiß“, „Der King vom Prenzlauer Berg“ und „Meister aller Klassen“ aus den späten Siebzigern und frühen Achtziger Jahren.
Draußen vor der Arena in Berlin verläuft die Tamara-Danz-Straße, in der Musikarena heizt der Witwer der heißgeliebten Silly-Sängerin die Menge ein. Langsam wird großen Teilen des Publikums die Bestuhlung unangenehm. Vor der Bühne hat sich längst ein Pulk Menschen von den Plätzen losgerissen. Mag das Durchschnittsalter der Fans, mit dem der Band mithalten können – es sind eben immer noch Rockfans. „Nicht den Laden abfackeln“, warnt Krahl. „Wir müssen hier morgen nochmal auf die Bühne.“

„Wir haben Despotinnen gestürzt“, sagt der City-Sänger

Zwischen den Liedern referiert der Sänger: „Wir hatten damals noch Haare, waren voller Saft und wollten die ersten Reihen weiblich aufhübschen“, da sei die Violine ins Spiel gekommen. „Was man nur aus Liebe tut“, ist auch eine Textzeile vom City-Hit „Lieben und lieben lassen“ von 1997.
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Großen Applaus erntet nach langer Vorrede über die Dissidenten-Rolle der erfolgreichen DDR-Band das Bettina Wegener-Lied „Sind so kleine Hände“. Zum rhythmischen Mitklatschen bewegt das im Bombast-Rock arrangierte „Wir haben Wind gesägt“, wiederum vom neuen Album „Die letzte Runde“. Krahl vergisst nicht zu erwähnen: „Das Album könnt ihr vorne beim T-Shirt-Stand auch als Vinyl kaufen“. Fünfzehn Millionen Tonträger haben City bislang verkauft und: „Wir haben Despotinnen gestürzt“, erzählt der City-Sänger: „Margot Honecker hat gesagt, mit „Casablanca“ haben wir den Boden des Sozialismus verlassen.“ Die Konzertbesucher bejubeln das Lied und auch den nächsten Gastauftritt.
Es ist Hennig Wehland, mit Seitenscheitel und grauem Bart, macht der H-Blockx- und Söhne Mannheim-Sänger den City-Barden mit seiner Version von „Gute Gründe“ ein wenig neidisch: „So hoch komm' ich mit meiner Stimme nicht mehr“, kommentiert er den überragenden, nur mit der E-Gitarre von Reinhard „Herr“ Petereit (Silly / Rockhaus) begleiteten Auftritt. Mit viel Gefühl in der markanten Stimme, berührt Krahl jedoch alle im Saal, als City das mit Marlene Dietrich berühmt gewordene Friedenslied „Sag' mir, wo so Blumen sind“ performen.
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„Unfassbar traurig“ indes die Erinnerung an den Krebstod des City-Gründers und Schlagzeugers Klaus Selmke. „Der See ist leergetrunken“, beginnt das Abschiedslied „War gut“. Handylampen erleuchten den Innenraum der Arena, Standing Ovations und frenetischer Applaus folgen. Mit „Flieg durch die Welt“ vom Album „Yeah, Yeah, Yeah“ geht es nahtlos weiter in der abwechslungsreichen Setlist des Konzertabends.
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Die Orchester-Musiker der Berliner Sinfoniker tun ihr Übriges, den fairen Eintrittspreis absolut zu rechtfertigen. Umjubelt auch der Gastauftritt von Tobias Unterberg, mit dem City „Mit offenen Armen“ darbieten. Viel Ehre gebührt auch dem langjährigen City-Texter Alfred Roesler-Kleint: „So sieht er aus, wie ein Rockstar“, bemerkt Krahl und singt sein berühmtes Lied „Wand an Wand“. Auch bei „Pfefferminzhimmel“ stehen die Fans reihenweise auf. Beim Heimatlied „Berlin“, dessen Titel eigentlich das kryptische „z.B. Susann“ lautet, kommt der Silly-Gitarrist erneut dazu und alle in der Mercedes-Benz Arena singen besonders laut das „Wohoho“ im Text mit.
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„Wir müssen unsere Tabletten einnehmen und dann ab ins Bett“, ruft Krahl, „Wir auch“, schallt eine energische Frauenstimme von den hinteren Rängen zurück. „Wir steuern aufs Finale zu“, verspricht der Sänger und bekommt Verstärkung vom Charakterschauspieler und Musiker Henry Hübchen.

Abschied nach 50 Jahren: großes Dankeschön an alle City-Fans

Auch Publikumsliebling Hübchen komponierte Hits für die Gruppe City. Noch während „Casablanca“ gespielt wird, dankt Krahl allen ausgiebig: dem Tontechniker und Produzenten André Kunze und vielen anderen: „Ein Sonderdank geht an unsere Ärzte“, sagt der redselige City-Sänger und: „Ein Sonderdank geht auch an Euch, liebe Gemeinde, euretwegen hatten wir ein wunderschönes Leben in Saus und Braus.“ Weiland läuft noch immer „Casablanca“ und macht in der Länge der erhofften Zugabe „Am Fenster“ Konkurrenz.
Dann ist es so weit: Zusammen mit Uwe Hassbecker an der zweiten Geige beglücken City ihre „Gemeinde“ mit dem überlangen „Am Fenster“ - ihr kommerziell größter Hit, der europaweit goldene Schallplatten einheimste. Zum Finale verbeugen sich alle Beteiligten des vorletzten City-Konzerts vorm geneigten Publikum. „Vielen lieben Dank, Love and Peace”, sind gegen halb elf nachts Toni Krahls vorletzte Worte. Der Vorhang fällt.