Dafür hat die nach Anna Seghers wohl bekannteste und produktivste Schriftstellerin des „anderen Deutschland“ lange Jahre mit beiden „Ehrentiteln“ wie „moralische Instanz“ und „Staatsdichterin“ leben müssen, die Anhänger wie Gegner der DDR-Nationalpreisträgerin, die erst 1989 aus der SED ausgetreten ist, manchmal verliehen haben.

1993 war bekanntgeworden, dass Wolf von 1959 bis 1962 von der Stasi zunächst als „Gesellschaftliche Mitarbeiterin“ und dann als IM „Margarethe“ geführt worden ist, was die Autorin nach eigenem Bekenntnis verdrängt hatte. Dagegen steht, dass sie und ihre Familie seit Ende der 60er-Jahre systematisch von der Stasi ausspioniert wurden.

„Ich verlasse mich darauf, dass die Leser in meine Bücher schauen und sehen, dass ich keine Staatsschriftstellerin war“, sagte die Georg-Büchner-Preisträgerin dazu einmal. Zu ihren wichtigsten Werken gehören die Romane und Erzählungen „Nachdenken über Christa T.“, „Kindheitsmuster“, „Kein Ort. Nirgends“, „Kassandra“, „Medea. Stimmen“ und „Der geteilte Himmel“. 2003 veröffentlichte sie Tagebuchauszüge von 1960 bis 2000. Ihr neuer Roman mit dem Titel „Stadt der Engel“ soll laut Suhrkamp Verlag voraussichtlich im Oktober 2009 erscheinen.

„Soll ich ein Held sein?“

Wolf empfand es in den letzten Jahren der DDR zunehmend als Belastung, dass die Menschen in Ostdeutschland sie immer mehr als Galionsfigur für Zivilcourage und Widerstand in Anspruch nahmen und weniger als Literatin. Sogar als Staatspräsidentin einer „neuen DDR“ war Christa Wolf im Gespräch. Sie sah sich wie ihre Kollegen Stefan Heym, Volker Braun, Heiner Müller und Christoph Hein, die ebenfalls auf der ersten freien Massendemonstration in Ost-Berlin am 4. November 1989 sprachen, einem gesellschaftlichen „Erlösungs-Erwartungsdruck“ ausgesetzt, den sie weder erfüllen konnte noch wollte. „Was wollt ihr denn alle von mir? Soll ich ein Held sein, bloß weil ich Geschichten schreibe?“, zitierte sie dazu Maxim Gorkis „Sommergäste“.

Die „deutsche Zerrissenheit“ fand in Wolf, die am 18. März 1929 im heute polnischen Landsberg/Warthe geboren wurde, ein literarisches Sprachrohr, nicht zuletzt in ihrer berühmten, von Konrad Wolf 1963/64 auch verfilmten Erzählung „Der geteilte Himmel“. Noch in den letzten Tagen der zusammenbrechenden DDR hat sie zusammen mit anderen Künstlern den Aufruf „Für unser Land“ unterschrieben, ein verzweifelter Versuch, den eigenständigen Weg eines anderen Deutschland weitergehen zu können.

Provozierende Instanz

Wie findet ein Mensch zu sich selbst als Teil einer Gesellschaft und eines Landes, das man auch lieben möchte? „Nachdenken über Christa T.“ heißt eines der bekanntesten Bücher von Wolf. Sie hat ein Schriftstellerleben lang darüber nachgedacht und gearbeitet, in der DDR und in der Bundesrepublik. Der 1985 gestorbene Nobelpreisträger Heinrich Böll, als dessen „östliche Zwillingsschwester“ sie manchmal bezeichnet wurde, ist Wolf zu einer „provozierenden Instanz in Gewissensfragen“ geworden. Dabei habe er selbst immer die Zumutung zurückgewiesen, erinnert sich die Autorin, „Gewissen der Nation“ zu sein – was ja nur die Kehrseite des Bedürfnisses gewesen sei, ihn von Fall zu Fall zum Sündenbock der Nation zu machen. Wie Böll hat auch Wolf Vorbehalte gegen ihr Werk zu hören bekommen, es sei von „Gesinnungsästhetik“ geprägt.

„Zu lange an die falschen Götter geglaubt!“ war einer ihrer Selbstvorwürfe. Christa Wolf hat die DDR aber nie verlassen und hat es andererseits „nicht zugelassen, dass ihr Land sie verlässt“. So meint jedenfalls Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz in einem Beitrag zur jüngsten „filmedition suhrkamp“ (mit „Der geteilte Himmel“, dem Film „Selbstversuch“ nach einer Wolf-Erzählung mit Johanna Schall und einem Gespräch mit dem Ehepaar Wolf). Wolf hat für sich nie eine Alternative zur DDR gesehen und wurde doch immer heimatloser – „Kein Ort. Nirgends“, wie ein Buchtitel von 1979, wenige Jahre nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermanns, heißt.

„Ich habe dieses Land geliebt“, schrieb Wolf einmal an ihren Kollegen Günter Grass. Sie meinte natürlich die Menschen und nicht den Machtapparat, der ihr vorschreiben wollte, was „positiv“ und was „Glück“ ist – für einen Schriftsteller per se eine völlig unkünstlerische Vorgabe, denn „angepasst kann man nicht schreiben, da fällt einem ja nichts ein“, wie sie später sagen sollte.

Wolf gehörte mit ihrem Mann zu den Unterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Biermanns 1976 aus der DDR. Danach hat sie ihr Land nicht mehr für reformierbar gehalten, um dann mit Michail Gorbatschow doch wieder neue Hoffnung zu schöpfen. Dabei hatte sie doch schon 1968 nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die damalige CSSR in ihrem Tagebuch notiert: „Es rast auf ein ungutes Ende zu . . .Wenn man erst einmal mit solcher Wucht aus den Schienen gesprungen ist, kommt man nicht mehr rein.“ Und 1983 hatte sie in ihrer berühmt gewordenen Erzählung „Kassandra“ eine „Botschaft“ versteckt, die die SED-Zensur nicht verstanden habe, wie Wolf später meinte, nämlich „dass Troja untergehen muss“.

„Frauen und Frieden“

Kassandra ist ein Beispiel für die verknappte Formel „Frauen und Frieden“, auf die man Wolfs literarisches Werk und gesellschaftliches Engagement bringen könnte. Die „weltgeschichtliche Niederlage der Frau“ blieb ihr als Thema immer im Blick. Nach ihren acht Lebensjahrzehnten spricht Wolf von „diesem 21. Jahrhundert, in das ich wider Erwarten noch hineingeraten bin, ohne recht heimisch in ihm zu werden“. Manchmal überkomme sie auch das Gefühl, meinte sie bei einer Suhrkamp-Veranstaltung in Berlin, „einer überholten, aussterbenden Art anzugehören, deren Erfahrungen nicht mehr gebraucht werden“. Dabei könne sie aus drei Gesellschaftsordnungen Erinnerungen beisteuern, an „normales“ Leben ebenso wie an Irrtümer, Konflikte, Zusammenbrüche, Verzweiflungen und Glücksmomente und „beharrliche Hoffnungen“. Vor allem aber: „So wie es war, so soll es auch gewesen sein – wie sonst?“