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| 02:39 Uhr

Choreografie der Macht

Lucie Thiede (Emilia Galotti) wird von Henning Strübbe (Marinelli) entführt.
Lucie Thiede (Emilia Galotti) wird von Henning Strübbe (Marinelli) entführt. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Verstaubter Schulstoff? Von wegen! Die Premierengäste am Samstagsind so jung wie nur selten im Staatstheater. Die fünf Helden im Zentrum des Geschehens werden von den Jüngsten des Ensembles gespielt. Ida Kretzschmar

Und erfrischend jung, kurz und knackig, wie eine Premierenbesucherin zusammenfasst, ist die Inszenierung.

Wir landen mitten im Katzenjammer nach einer Partynacht. Prinz von Guastalla (Johannes Kienast) ist versumpft. Noch immer verpeilt und verspielt liefert er sich mit seinem Kammerherrn Marinelli (Henning Strübbe) eine Kissenschlacht.

Was gehen ihn die Regierungsgeschäfte an? Er ist total vernarrt in ein Mädchen: Emilia Galotti (Lucie Thiede), die drauf und dran ist, den Grafen Appiani (Michael von Bennigsen) zu heiraten. Gnadenlos schiebt der Prinz das Bild seiner ehemaligen Geliebten Gräfin Orsina (Lisa Schützenberger) beiseite, das er bei der Malerin (federleicht mit den Augen der Liebe malend: Heidrun Bartholomäus) in Auftrag gegeben hatte.

Er will Emilia, koste es, was es wolle. Und so prallen fünf unterschiedliche Lebensansprüche junger Menschen, gepeitscht von sphärischen und wummernden Klängen, hitzig aufeinander.

Gotthold Ephraim Lessings "Emilia Galotti" birgt alle Zutaten für ein klassisches Trauerspiel: Liebe, Hass, Intrige, Lüge und Gewalt. Ein schwergewichtiger Bühnenstoff des großen Aufklärers (1729 - 1781) - in Cottbus kommt er leicht und leidenschaftlich daher. Ohne den berühmten Sohn aus dem Oberlausitzer Kamenz dabei aus den Augen zu verlieren. Lessings philosophische Gedanken, seine raffiniert ausgeklügelten Wortgefechte, sind in jeder Zeile wiederzufinden. Unpathetisch und dennoch mit der ihm eigenen Hitzigkeit füllen sie den Theatersaal. In der Fassung von Jan Jochymski wird die Geschichte, die innerhalb von zwölf Stunden abläuft, in nicht mal zwei Stunden erzählt.

Die Choreografie der Macht tüftelt Henning Strübbe als Marinelli aus. Er dreht unaufhaltsam am Rad des dunklen Geschehens, so sehr es Emilias Vater (eindrucksvoll agierend Rolf-Jürgen Gebert) auch zu verhindern sucht. Überzeugend auch Sigrun Fischer in ihrer hilflosen Mutterliebe.

Denn Marinelli zeigt sich ohne Skrupel. Strübbe gibt den Vertrauten des Prinzen machttrunken und verschlagen. Von seinem diabolischen Blick durchbohrt, fühlt man sich gar an die unerbittlich stechenden Augen eines Klaus Kinski erinnert. Aber das ändert sich augenblicklich, wenn sich der junge Schauspieler in den lammfrommen Freund, gar Frauenversteher verwandelt, etwa im Zwiegespräch mit Lisa Schützenberger, der man es abnimmt, wenn sie als Gräfin Orsina sagt: "Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das ihm zum Trotze auch denken will?"

Da ist auf beiden Seiten viel Potenzial, auf das man weiter gespannt sein kann.

Ohne Heldenpathos agiert Johannes Kienast in der Prinzenrolle. Sein subtiles Minenspiel verrät den hohen Herrn als Anhänger des kleinen, stillen Verbrechens. Eine sehr gelungene letzte Premiere am Staatstheater für den jungen Schauspieler, der nach dieser Spielzeit neue Herausforderungen sucht. Unaufgesetzt und natürlich auch Michael von Bennigsen als der gräfliche Nebenbuhler, der sich früh aus dem mörderischen Spiel verabschieden muss und doch die ganze Zeit über präsent bleibt. Wie hier Blut vergossen wird, das erlebt man im Theater nicht alle Tage.

Überhaupt gibt es so manchen Regieeinfall und zeitlose Kostüme, die das Stück ganz gegenwärtig wirken lassen, ohne es auf Krampf zu modernisieren.

Lucie Thiede in der Titelrolle gibt eine schwärmerische Emilia, der ihre Tugend wichtiger ist als das Leben. Alles in allem: eine tolle Ensembleleistung, bei der die Drehbühne, sparsam von Simone Steinhorst dekoriert, fast zu einem weiteren Mitspieler wird. Ein Dreh- und Angelpunkt, hinter dem sich niemand versteckt.

Zum Thema:
Tanja Richter (17), Finsterwalde: Unsere Klasse aus dem Sängerstadt-Gymnasium war schon bei den Proben dabei. Gerade deshalb war es für mich sehr spannend, wie die "Emilia Galotti" umgesetzt wird. Wie mit der Drehbühne gearbeitet wurde, fand ich toll. Überhaupt: Es spricht junge Leute an. Im Unterricht hatten wir das Stück noch nicht bis zu Ende gelesen. So war es für mich ein wirklich überraschender Ausgang. Gudrun Becker (72) aus Cottbus: "Ich bin mit ganz anderen Erwartungen gekommen, habe an den alten Lessing gedacht. Und so war ich zunächst etwas zurückhaltend. Aber es hat gepasst. Denn das Wesentliche von Lessing ist auf neue Art herübergekommen. Ihr Enkel Friedrich Helke (15): Mich hat es sehr beeindruckt. Ein Klassiker, der mir was zu sagen hat.