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| 17:56 Uhr

Interview mit Charles Brauer
„Er war ein Raubauz mit zärtlicher Seele“

Charles Brauer kommt an den Senftenberger See.
Charles Brauer kommt an den Senftenberger See. FOTO: Agentur
Großkoschen. Der Schauspieler erzählt von seiner Hommage-Tour an Manfred Krug, die ihn auch ins Amphitheater führt. Von Heidrun Seidel

Der Schauspieler Charles Brauer, der als Hamburger Tatort-Kommissar Peter Brockmöller 38 Folgen lang gemeinsam mit Manfred Krug als Paul Stoever ermittelte, präsentiert am Sonnabend im Amphitheater am Senftenberger See gemeinsam mit Uschi Brüning, Funny Krug, Thomas Putensen und Krugs Band in der Hommage an Manfred Krug dessen Lieder. Im RUNDSCHAU-Interview spricht er über sein Verhältnis zu dem Sänger und Schauspielerkollegen.

Sie gehen mit der Hommage an Manfred Krug auf Tour, spielen Theater in Hamburg und auf Tournee, gehen für Hörbücher vor allem von John Grisham ins Studio, drehen fürs Fernsehen – alle Achtung für einen 83-Jährigen. Wie geht es Ihnen, Herr Brauer?

Brauer Danke, ich habe Glück, bin gut beieinander. Gerade habe ich meine zweite Augen-OP gut hinter mich gebracht. Grauer Star, was sich so einstellt, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Eigentlich hatte ich Tourneen schon vor 15 Jahren für beendet erklärt. Aber nun ist da dieses neue Stück „Heisenberg“, das ich mit dem Hamburger Tourneetheater Landgraf im Frühjahr auf die Bühne gebracht habe – und das vom Publikum sehr gefeiert wurde. Eine anheimelnd verrückte Liebesgeschichte, wie sie die Kritik nennt. Und weil meine Kollegin Anna Stieblich und ich auch viel Freude daran haben und die Aufführungen im Ernst-Deutsch-Theater beendet sind, habe ich mich noch mal breitschlagen lassen. Es wird also zweimal 14-tägige Tourneen geben. Ansonsten bürde ich mir aber keine Stress-Sachen mehr auf, reise meist rechtzeitig und in Ruhe an und gehe auch nicht mehr in miese Hotels. Ich habe gerade erst eine Rolle abgelehnt, weil mir das Drumherum zu aufwendig und zu stressig schien. Also: Ich wähle aus, was und wie viel ich mir zumute.

Dazu gehört auch die Hommage an Manfred Krug, die Sie am 1. September im Amphitheater Senftenberg moderieren – und auch einen Titel singen werden.

Brauer Ich hätte nie gedacht, dass sie so erfolgreich wird. Wir haben das nun schon 15-mal gemacht – und die Tournee ist schon wieder verlängert. Natürlich habe ich gewusst, dass Manfred eine ganz besondere Beziehung zu seinem Publikum hat. Schließlich war er ein berühmter Schauspieler, und in der DDR liebte man ihn auch als Sänger. Aber was ich bisher erlebt habe, hat mich unerwartet getroffen und ist unglaublich berührend. Das ist für mich, der ich ja der einzige Wessi in der Runde bin, eine Riesenerfahrung, ein großes Glück. Und die Musiker, die dabei sind – alles ja auch Vertraute von Manfred – sind allererste Sahne. Natürlich ebenso Uschi Brüning, Manfreds Tochter Fanny, Thomas Putensen. Das ist eine große Freude. Ich führe durchs Programm und erzähle so manche Anekdote und plaudere ein bisschen aus dem Nähkästchen. Die Idee stammt von Krugs Manager Hans-Joachim Hübenthal von K&V Events und ist sehr aufwendig, mit großer Videowand für Ausschnitte, Bilder, Videoclips produziert. Sie fußt auf Manfreds Vorhaben, zu seinem 80. Geburtstag eine CD „Meine Lieder“ mit seinen Lieblingsliedern, für die er viele schöne Texte geschrieben hat, herauszubringen. Die Musik war bereits aufgenommen, es fehlte nur sein Gesang. Doch dann starb Manfred Krug am 21. Oktober 2016. Bekannte Schauspiel- und Musikerkollegen haben die CD unter dem geänderten Titel „Seine Lieder“ fertiggestellt – und sie ist ein Erfolg.

Haben Sie einen Lieblingstitel?

Brauer Oh, ich habe viele. Besonders mag ich seine Interpretationen amerikanischer Titel aus den 60er- und 70er-Jahren. Da war er voll im Saft, hat sich mit Leib und Seele reingekniet. Unter anderen politischen Umständen hätte aus ihm auch ein großer, international bekannter Jazzsänger werden können.

Eine Hommage ist eine Huldigung für einen ganz besonderen Menschen. Was ist Ihr ganz persönlicher Grund, Manfred Krug zu huldigen?

Brauer Wir wollten auf keinen Fall, dass so ein Abend eine trauernde Veranstaltung wird, mit Wehmut und all solchen Sachen. Wir wollten ihn feiern. Es heißt bei Schiller: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ Wir wollen ihm einen Kranz flechten. Und ich zeige ihm damit meine Liebe, Freundschaft und hoffe, dass er auf Wolke 7 sitzt und sich drüber freut.

So ein ganz einfacher Zeitgenosse war Manfred Krug aber auch nicht. War es da ein Glück, dass Sie eher ruhig und von vornehmer Zurückhaltung sind? Wie war Ihr Verhältnis, wenn die Kamera aus war?

Brauer Er war ein Raubauz, wie er selbst sagte. Aber einer mit zärtlicher Seele und ein großes Sensibelchen. Ich glaube, seine Authentizität, seine Direktheit in der Sprache und dass er sich nicht verbiegen lassen wollte, waren es, die zu diesem engen Verhältnis zum Publikum, zu dieser Nähe geführt haben. Sicher, er war ein Choleriker und sehr schnell hoch, wenn ihm Dilettantismus und falscher Aktionismus begegneten. Ich bin da eher ruhiger und brauche länger, ehe ich mich aufrege, würde mich allerdings auch nicht zurückhalten, wenn mich was ärgert. Doch wir beide haben uns selten gezofft. Ich kannte ihn natürlich bereits, als ich nach drei Tatort-Filmen, die er allein gemacht hatte, engagiert worden bin. Er mich nicht. Aber wir haben schnell zueinander gefunden. Als er merkte, dass ich auch noch was vom Jazz verstehe, kamen wir uns immer näher, so dass eine echte Freundschaft daraus wurde.

Und Ihr gemeinsames Trällern in der Garderobe oder bei der Kaffeepause hat dann die Musik in den Tatort gebracht.

Brauer Genau. Auch im Wohnwagen oder beim Spazierengehen... bis eine Kollegin vom Set sagte, warum nutzen wir das eigentlich nicht?

Für Manfred Krug war das so eine Art sanfte Rückkehr zum Singen.

Brauer Nun ja, er hatte nach seiner Ausreise aus der DDR im Westen eine Platte gemacht. Die floppte. Sein spezielles Publikum fehlte ihm.

Sie hielten Kontakt, nachdem 2001 nach 38 gemeinsamen Tatort-Folgen die letzte Klappe für das Hamburger Team gefallen war. Wie waren dann die Themen Ihrer Männerfreundschaft?

Brauer Ich habe ihn sehr oft in Berlin besucht, wenn ich arbeitete oder bei meinen Zwillingen war. Wir haben über alles geredet, worüber Männer, worüber Freunde so reden. Und wir haben auch Geburtstage zusammen gefeiert. Wir hatten ein wunderbares Verhältnis, und wir hatten ein Fax-Verhältnis. Statt Briefe oder E-Mails verschickte er gern Faxe. Und das ging dann so hin und her. Allerdings hat er in den letzten Lebensmonaten nicht so prompt geantwortet, wie ich es von ihm gewohnt war. Da habe ich mir schon Gedanken gemacht. Aber was er nicht mochte, war, dass man sich, wenn es ihm nicht gut ging, um ihn kümmerte. Er wollte Krankheiten nicht zum Thema machen.

1946, also mit elf Jahren, standen Sie für „Irgendwo in Berlin“ zum ersten Mal vor der Kamera. Sie haben die Fernseh- und Filmgeschichte Deutschlands mitgeschrieben. Was davon war Ihnen am wichtigsten, hat am meisten Spaß gemacht? Bleiben nach 72 aktiven Schauspieler-Jahren noch Rollen-Wünsche offen?

Brauer Mir fällt da kein unerfüllter Rollen-Wunsch ein. Ich denke, es ist wichtig, neugierig zu bleiben auf das, was da noch kommen könnte. Und wenn ich dann bei so einem Angebot wie „Heisenberg“ überrascht werde und das noch spielen kann, ist das doch wunderbar! Wichtig war in meinem Schauspielerleben schon, als ich mit elf Jahren für diesen dritten Film der Defa vom Gerhard Lamprecht entdeckt wurde. Wer weiß, welchen Weg ich sonst gegangen wäre. Ganz nebenbei tat das auch meiner Familie gut, denn die hatte es nicht leicht. Und bekam nun im Osten die beste Lebensmittelkarte jener Jahre. Das half. Genauso wichtig war mir aber, dass mich die anderen Kinder in meiner Charlottenburger Fußballmannschaft, wo wir dann wohnten, trotzdem noch mitspielen ließen, auch wenn mich jeden Morgen eine Limousine zum Dreh abholte. Und wichtig waren für mich auch die 20 Jahre am Schauspielhaus in Hamburg, wo ich von großartigen Leuten wie beispielsweise Gustav Gründgens lernen konnte, also richtiges Schauspieler-Handwerk. Der „Tatort“ hat mir natürlich Popularität gebracht, die dann auch wieder andere Dinge wie Lesungen oder ähnliches ermöglicht hat – und war deshalb auch wichtig in meinem Schauspieler-Leben.

Der „Tatort“ ist Geschichte, Peter Brockmöller auch. „Charles Brauer genießt jetzt das Leben“, titelte eine Zeitung. Was heißt es für Sie, das Leben zu genießen?

Brauer Das tue ich tatsächlich! Ich war jetzt in diesem Wahnsinnssommer drei Monate bei uns zu Hause in der Schweiz. Mit meiner Frau Lilot Hegi war ich sehr oft in den Bergen. Das ist ein großer Genuss. Wir nehmen uns Touren vor, die wir bewältigen und die uns guttun. Ich gucke ins Freie, habe Ruhe und einen Garten...

Mit Charles Brauer
sprach Heidrun Seidel.


Hommage an Manfred Krug, 1. September, 19.30 Uhr, Amphitheater am Senftenberger See, Karten sind erhältlich unter Telefon 03573 801286, an der Theaterkasse oder in den bekannten Vorverkaufsstellen der Neuen Bühne Senftenberg.
Restkarten an der Abendkasse