Von Dietrich Bretz

Wenn im Frühjahr die Aufnahme sämtlicher Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch mit der Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling in einer CD-Box beim Label Sony Classical erscheinen wird, markiert diese Edition zugleich das Resümee der so fruchtbaren künstlerischen Zusammenarbeit dieses Orchesters mit seinem Chefdirigenten. Sanderling, der nach acht Jahren musikalischer Partnerschaft am Saisonende die Dresdner Philharmonie verlassen wird, ist mit dem sinfonischen Oeuvre des bedeutenden russischen Komponisten schon seit seiner Kindheit vertraut. Als Sohn des mit Schostakowitsch befreundeten namhaften Dirigenten Kurt Sanderling hatte er das Glück, dem Tonschöpfer noch persönlich zu begegnen. Zum Dresdner Gedenktag krönte er seinen Zyklus der Schostakowitsch-Sinfonien mit der Aufführung und CD-Einspielung der 15., der letzten Sinfonie.

Die Fünfzehnte, 1971 vom Komponisten vollendet und Anfang 1972 von seinem Sohn Maxim uraufgeführt, ist gleichsam ein musikalischer Rückblick in die eigene Vergangenheit. Hinter einer anscheinend heiteren Fassade werden philosophisch tiefgründige Gedanken angesprochen, den Komponisten zeitlebens immer wieder bedrängende Probleme. Überwältigend gestaltet wurde von den Musikern der vielschichtige Ausdrucksbogen vom vermeintlich heiteren Allegretto-Kopfsatz über das trauererfüllte Adagio und das düstere, mit einem Anflug des Fantastischen gezeichnete Scherzo bis hin zu dem von freundlich-zuversichtlicher Haltung erfüllten Finale.

Der doppelbödige Charakter des einleitenden Allegrettos mit dem spritzigen Motiv in der Flöte und dem von den Blechbläsern geradezu wie von einer Feuerwehrkapelle zitierten Galopp aus Rossinis Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ ließen den surrealen Hintergrund des Lebensumfeldes des Komponisten anklingen. Eines Lebensbildes, das neben Wertschätzung immer wieder auch von Abgründen bestimmt war. Von den Philharmonikern und Sanderling pointiert ausgedeutete Klangbilder.

Nicht minder intensiv ausgelotet wurde auch die Tragik des Adagios, die wie ein unheilvolles Ereignis das menschliche Leben überschatten kann. Ein ernster Bläserchoral wechselte da mit dem eindringlichen Melos des Violoncello-Solos. Mit dem gedanklichen Anspruch des Adagios korrespondierte nachdrücklich in der Einleitung zum Finale das Motiv der Todesverkündigung aus Wagners „Walküre“. Bis dann zum Abschluss ein lyrisches Thema in den Violinen einen Lichtblick aufscheinen ließ.