Es steht nicht gut im Schloss. Die Prinzessin (passend zur Rolle in harmloser Putzigkeit: Alrun Herbing) langweilt sich. Den lieben langen Tag hängt sie im Püppchenkleid herum und wickelt Geschenke aus, in denen sich Püppchen befinden, die genau so aussehen wie sie selbst. Höchstens die Farbe der Zöpfchen variiert. "Mäuschen, geh' auf dein Zimmerchen. Spiel was", sagt der König. Aber die Prinzessin ist zu alt zum Spielen und bräuchte eine sinnvollere Beschäftigung. Sie leidet unter Burnout.

Der König (Philipp Engelhardt) langweilt sich eigentlich auch, hat aber wenigstens zu tun: Er gibt ständig Befehle. Allerdings ist die Schatzkammer leer, also werden zur Lohnkostenreduzierung kurzerhand alle Diener entlassen, bis auf einen: Gustav (Tom Bartels). Seine wichtigste Aufgabe ist das Servieren von Perlhuhn-Mahlzeiten für den König. Nun allerdings muss Gustav als Diener, Jäger, Koch und Musiker in Personalunion die Perlhühner gleichzeitig heranschaffen, zubereiten servieren und für die Tafelmusik sorgen. Gustav ist zwar ein Multi-Tasking-Talent, doch von seinem gewachsenen Verantwortungsbereich überfordert. Aus Überlastung fängt er schon selbst an wie ein Huhn zu gackern, leidet unter Ohnmachtsanfällen und steht offenbar kurz vor dem Burnout. Die Prinzessin würde ihm zwar gerne in der Küche zur Hand gehen, aber ihr fehlen dafür die elementarsten Grundkenntnisse: "Eigentlich dachte ich, dass Kartoffelbrei auf dem Baum wächst wie Fischstäbchen." So suchen also alle Beteiligten zwischen Über- und Unterforderung nach der passenden Beschäftigung und Work-Life-Balance.

In einem Bauernhof in der Nähe des Schlosses ist die Lage ähnlich. Der hochintelligente Kater (Marianne Helene Jordan) ist als Mäusefänger und Streichelmieze hoffnungslos unterfordert. Bauernsohn Hans (Simon Elias) wird von seinen Brüdern zur Kostenreduzierung vom Hof gejagt und steht arbeits- und wohnungslos da. In dieser Notsituation kann der ambitionierte Kater endlich zeigen, was in ihm steckt. Er fängt an zu sprechen und entpuppt sich als geborener Consulting-Spezialist, mit dessen Hilfe nicht nur Hans, sondern bald auch die Schlossbewohner ihre Wirtschafts- und Lebenskrise überwinden.

Das Bühnenbild und die Kostüme von Barbara Fumian folgen der traditionellen, leicht ins Groteske überdrehten Märchen-Ästhetik. Regisseurin Anita Iselin stellt konzentriert das Thema der Arbeits- und Lebensgestaltungsproblematik in den Mittelpunkt, bleibt jedoch in ihrer Darstellungsweise immer kindgerecht. Sie gibt den Schauspielern vor allem viel Zeit und Raum für Situationskomik mit Körpereinsatz. Marianne Helene Jordan kann viel katzenhafte Geschmeidigkeit zeigen, Tom Bartels überschlägt sich vor verzweifelter Diensteifrigkeit. Auch der König gewinnt Sympathien, vor allem mit seiner schrulligen Redeweise. Er spricht seinen Part hochnäsig-naiv, hanseatisch-debil.

Vor allem diese drei Darsteller tragen die Aufführung.

Im echten Leben würde der König sein Schloss vermutlich irgendwann in ein Billiglohnland outsourcen und seine Tochter an einen gut betuchten Diktator verheiraten. In diesem Fall jedoch geht die Sache rundum gut aus, sogar der Diener wird am Ende gelobt und soll künftig mehr Pausen erhalten. "Der gestiefelte Kater" ist eben ein Märchen.