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| 17:41 Uhr

Fontane-Jahr
„Fließendes Atelier“ in Burg

 Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon malte am Samstagnachmittag während einer Kahnfahrt vom Bootshaus Rehnus zum Waldhotel Eiche in Burg das letzte Element für sein Werk zu Fontane. Dabei waren auch zwei Schleusen zu befahren. Für Gäste aus dem Begleitkahn war der Künstler ein begehrtes Fotomotiv.
Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon malte am Samstagnachmittag während einer Kahnfahrt vom Bootshaus Rehnus zum Waldhotel Eiche in Burg das letzte Element für sein Werk zu Fontane. Dabei waren auch zwei Schleusen zu befahren. Für Gäste aus dem Begleitkahn war der Künstler ein begehrtes Fotomotiv. FOTO: Ingrid Hoberg
Burg. Anlässlich des Fontane-Jahrs funktionierte der Künstler Jim Avignon einen Spreewaldkahn vorübergehend in ein Atelier um. Während einer Fahrt durch Burg setzte er sich über ein Portrait mit dem Brandenburger Dichter auseinander. Von Ingrid Hoberg

„Links! Links! Das andere Links!!!“, ruft ein Paddler seinen Kumpels zu. Gerade so um Haaresbreite ist die Katastrophe verhindert – das Boot kriegt die Kurve, und Jim Avignon bleibt samt seiner Staffelei und dem halbfertigen Porträt von Theodor Fontane trocken. Auch die Mitreisenden, unter ihnen Christine Clausing, Vorsitzende des Tourismusvereins Burg und Umgebung, atmen auf. Der Künstler nimmt’s gelassen, seine Erfahrungen aus der Berliner Techno- und der New Yorker Kunstszene zahlen sich im sonst beschaulichen Spreewald offenbar aus.

„Ist das ein Malboot?“, fragt einige Biegungen weiter ein Mädchen in einem vorbeiziehenden Kahn. Ja, vielleicht gar keine schlechte Idee für die nächste Saison. Denn an Angeboten für die jüngsten Besucher des Spreewalds mangelt es noch, wie Christine Clausing einräumt. Dass das Malen auf dem sanft dahingleitenden Kahn funktioniert, wird Jim Avignon beweisen. Eine grundierte Holztafel, auf der mit wenigen Strichen das Motiv skizziert ist, hat er mitgenommen. Dazu die Künstler-Acrylfarben und eine Auswahl von Pinseln, das muss reichen.

Beschäftigt hat sich Jim Avignon, der bekannt dafür ist, dass er in hohem Tempo künstlerisch produktiv sein kann, schon über Wochen mit dem Schriftsteller Fontane, seinen Werken und seiner Zeit. So wartet am Ziel der Fahrt in den Abend im Waldhotel Eiche schon das fast fertige Triptychon, es fehlt eben nur noch das Porträt, das nun in anderthalb bis zwei Stunden Fahrt fertig werden muss. Zum Anfang plaudert er mit seinen Mitreisenden, genießt die Abendsonne, die sich nach einem verregneten Tages dann doch noch einstellt. Vielleicht ist die Stimmung ähnlich wie bei der Fahrt, die Theodor Fontane im August 1859 erlebt hatte. Auch er war mit ortskundigen Reisebegleitern per Kahn in die Fließelandschaft vorgedrungen.

Der Maler und seine Begleiter genießen die Kulturlandschaft Spreewald, die Besucher in den verschiedensten Facetten begeistern kann. „Je nachdem von wo man hineinkommt, es ist immer anders“, schwärmt Christine Clausing. Ob Burg, Lübbenau und Lehde, Lübben, Schlepzig – jeder Spreewaldort hat andere Natureindrücke und Erlebnisse zu bieten. Ein bisschen hat sich Jim Avignon verplaudert, während zwei Wehre und drei niedrige Brücken absolviert sind. Der Fährmann weiß, dass er in einer halbe Stunde am Waldhotel Eiche anlegen wird. Da muss sich der Künstler sputen – und tatsächlich ist das Bild fertig, als der Kahn anlegt. Schnell machen die Mitreisenden ein paar Erinnerungsfotos, ehe sie  am Fontanerestaurant von Julia Winkler, Azubi bei der Touristinfo, in Burger Tracht mit Brot und Salz auf wendische Art begrüßt werden.

Bevor es an die Fertigstellung des Triptychons geht, gibt es einen fontanezeitlichen Snack, zubereitet in der Küche des Waldhotels. Doch dann ist es soweit: Fontane wird in die Spreewaldlandschaft eingepasst, unter dem Arm eine Zeitschrift „Die Gartenlaube“, in einer Hand ein Federkiel, der wie ein Rudel ins Spreewasser reicht, und in der anderen ein Glas Berliner Weiße. Er kannte dieses Getränk tatsächlich, denn der bekannte Schuss für das helle, obergärige Bier soll von einem Vorfahren der „Clausings Weißbierstuben“ in Berlin stammen. Beides wird in seinem Buch „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ erwähnt.

Muße, sich in die Fontane-Zeit hineinzudenken, bietet die Hörgeschichte von Uwe Leo. Der Autor und Dramaturg aus Berlin hat das Stück zur Inszenierung des Gesamtkunstwerks geschrieben. Auf dem Bild sind nicht nur Gebäude und die Landschaft wiederzuerkennen, Jim Avignon hat auch Gegenstände aus der Zeit dargestellt, die in der anschließenden Gesprächsrunde mit Kunsthistorikerin Dr. Heide Rezepa-Zabel eine Rolle spielen. Christian Matthée, bekannt vom RBB, begibt sich in die Rolle von Horst Lichter („Bares für Rares“) und vermittelt zwischen den Fontane-Zeit-Entdeckern und der Expertin.

Ingmar Steffen hat aus seinem „Geschichtsstübchen“ ein Objektiv vom Begründer der Fotografentradition in seiner Familie mitgebracht. Besonders anrührend ist die Geschichte, die die Burgerin Monika Baum erzählt. Es ist eine Porzellan-Kutsche, die 1945 als einziges Stück den Bombenangriff auf ein Haus in Cottbus überstanden hatte. „Die Porzellanfigur war schon lange in der Familie meiner Mutter Hildegard Wenzel“, erzählt sie. Wie bei den anderen Schätzen ist der persönliche Wert weit höher als ein möglicher Verkaufserlös, wie Heide Rezepa-Zabel feststellt. „Der Markt spiegelt den hohen ideellen Wert nicht wider“, sagt sie. Doch ums Verkaufen geht es diesmal nicht. Es geht darum, sich Fontanes Zeit anzunähern, was mit den präsentierten Stücken auch gelingt.

Die weiteste Anreise zu diesem Expertengespräche hat Hans-Dieter Müller auf sich genommen. Bis aus der Nähe von Lüneburg ist er gekommen, um ein Gefäß zu präsentieren, das vielleicht einmal in Fontanes Apotheke gestanden haben könnte – aber da ist die Recherche noch nicht abgeschlossen. Was ist nun die größte Herausforderung des „Fließenden Ateliers“ für den Künstler Jim Avignon gewesen? „Nicht ins Wasser zu fallen!“, antwortet er. Reizvoll an der Fontane-Entdeckungstour sei für ihn das Kennenlernen eines Künstlers, der für ihn „ein sympathischer Typ“ geworden sei. Als Schriftsteller habe es Fontane geschafft, Verständnis für die Charaktere zu wecken, die er in seinen Werken darstellte. Für den Aktionskünstler unbedingt eine Lese-Empfehlung auch nach dem Spreewald-Projekt. Ausgestellt werden soll sein Triptychon im Amt Burg, der genaue Platz steht noch nicht fest.

Fontane 200: Jim Avignon malt in Burg FOTO: Ingrid Hoberg