Kritiker nennen ihn einen "Lakaien" des Systems. "Liebe Leute, lest doch erstmal etwas von Mo Yan!" seufzte Peter Englund, "Ständiger Sekretär" der Schwedischen Akademie und damit Jurysprecher des Nobelpreiskomitees genervt, als er zur Kritik an Mo Yan als "Staatsschriftsteller" für die undemokratische Führung in Peking Stellung beziehen sollte.

Die RUNDSCHAU hat den Rat aus Stockholm befolgt. Auf mehr als 560 Seiten befasst sich der chinesische Autor in seinem jetzt auch in Deutschland erschienenen Roman "Frösche" mit der Ein-Kind-Politik seiner Heimat.

Um es vorwegzunehmen: Von "Staatsschriftsteller" kann dabei keine Rede sein. Auch wenn seine Haltung durchaus ambivalent ist, er sich hin- und hergerissen fühlt bei der Suche nach Antworten auf die Frage: Hätte es diese rigide Politik nicht gegeben: Wie stünde es heute um China? Der Schmerz um die ungeborenen Kinder und die damit verbundenen brutal gekappten Lebensadern überwiegt in diesem autobiografisch gefärbten Roman. Mehr noch: Der Ich-Erzähler legt das eigene Ich auf den Seziertisch, wagt selbst den Kopfsprung in die Hölle, den er unwidersprochen anderen zumutete. Die empfindlichsten Orte in der eigenen Seele werden nicht geschont. Trotz des Wissens um die Probleme eines planlosen Wachstums der Menschheit, einer Überbevölkerung, die auch in China schon Hungersnöte auslöste, lastet die Frage schwer auf dem Gewissen: Kann die Unmenschlichkeit im Kleinen der Menschlichkeit im Großen dienen?

Mo Yan, 1957 in Gaomi in der Provinz Shandong geboren, beschreibt ungeschminkt die Schrecknisse der Frauen und Kinder und die Familiendramen, die sich in seiner Heimat seit Beginn der drastischen Geburtenkontrolle in den 1980er-Jahren abspielten.

Gugu, die Tante des Erzählers, wird damit gleichsam über Nacht von einer hoch geachteten Hebamme, die während der Kulturrevolution selbst größte Demütigungen erfuhr, zu einer gefürchteten gnadenlosen Vollstreckerin der Parteidoktrin, die die Ein-Kind-Politik mit allen Mitteln durchsetzt. Ungeschönt erzählt er von Zwangssterilisierungen, brutalen Verfolgungen, Denunziationen, riskanten Abtreibungen auch bei Hochschwangeren. Ihr Neffe, der Ich-Erzähler selbst, verlor so seine eigene Frau, weil er sie gegen ihren Willen zur Abtreibung zwang. So stellt er auch die Frage der persönlichen Schuld: Ist man weniger schuld, wenn man Unrecht im Dienst einer Partei oder Regierung begeht? Seine Tante wird von Albträumen geplagt. "Frösche" rauben ihr den Schlaf, ihre Rufe erinnern an die Schreie neugeborener Kinder. Die Schriftzeichen für "Baby" und "Frosch" werden im Chinesischen gleich ausgesprochen.

Dem Nobelpreisträger ist ein unerhört bewegender menschlicher Roman gelungen. Seine Fragen sind sehr persönlich und zugleich beklemmend existenziell. Einfache Antworten hat er nicht parat.

Trotz vielfacher Proteste im In- und Ausland: Die Politik zur Kontrolle des Bevölkerungswachstums hat China nicht aufgegeben. Wissenschaftler warnen inzwischen davor, dass durch die wenigen Kinder die Überalterung der chinesischen Gesellschaft zu schnell fortschreite. Andere verweisen darauf, dass die Ein-Kind-Politik gegen Menschenrechte und Gleichheitsgrundsätze verstoße, da für bestimmte Gruppen und Regionen unterschiedliche Regeln gelten. Weil weibliche Kinder abgetrieben werden, werden deutlich mehr Jungen als Mädchen geboren. Auch heute muss in China, wer ohne Erlaubnis mehr als ein Kind bekommt, eine hohe Geldstrafe bezahlen und mit Nachteilen rechnen.

Umso wichtiger ist dieser mutige Roman. Mo Yan ist ein Pseudonym und bedeutet "Sprich nicht". In "Frösche" hat er deutliche Worte gefunden.