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| 01:12 Uhr

Brunftschreie aus niedrig gelegten Autos

„Da es in Senftenberg kein Kaufhaus mehr gibt, besteht auch keine Gefahr für uns“ , wurde Arno Funke am Sonntagabend scherzhaft begrüßt. Aber „Dagobert“ war ja nicht als raffinierter Kaufhauserpresser, als welcher er einst unrühmliche Karriere gemacht hatte, an die Neue Bühne gekommen. Der Karikaturist und Maler für das Satiremagazin „Eulenspiegel“ wollte mit seinem Buch ,,Ente Kross'' „literarische Entdeckungen der Neuzeit“ ins grelle Bühnenlicht rücken. Von jürgen weser

Wer Arno Funkes Bilder kennt, dem war klar, an dem Abend bleibt kein Auge trocken und die Satire streift die Grenze zum Königsmord. Gute Erfahrungen bei Lesungen habe er gemacht, wenn das Publikum betrunken sei, hofft Funke zunächst, während er seine Manuskripte ordnet und vorlesungsfein macht. Damit können die Besucher in der Senftenberger Studiobühne zwar nicht dienen, aber die Geschichten des ehemaligen Schilder- und Kunstmalers, Polizei-an-der-Nase-Herum-Verführers und sonst noch alles Mögliche kommen bei ihnen trotzdem bestens an.
„Nie wieder joggen“ , vor allem nicht am Kottbuser Tor in Berlin, steht für Funke fest. Die aus dem „Bermuda-Dreieck des Unterbewusstseins“ aufgetauchte Idee, um dem angefressenen Waschbärenbauch sportliche Fitness entgegenzusetzen, wurde schnell durch unliebsame Hundebegegnung, Frau Sauerbiers schlagkräftig-übereifrigen Ehemann und eine noch schlagkräftigere Polizeibeamtin nach irrtümlicher Beamtenbeleidigung „ins Reich der Träume“ verwiesen. Dafür weiß die nächste Erzählung von „Dagobert“ Funke „ein bisschen aus eigener Erfahrung“ , dass Geld süchtig macht. So sehr, dass Friedbert die Lösung seines Problems in einer Therapiegruppe sucht und in Gestalt der kaufsüchtigen Martina auch findet. Sie nimmt sich Friedberts und dessen Geldes an. Fortan hat er keins mehr und ist seine Sucht los. Sogar der therapiesüchtige Sven wird von der Jungfrau Maria therapiert, nur der Therapeut bleibt immer noch auf der Suche nach sich selbst.
Funkes von seinen Bildern her bekannte bissig-satirische Gesellschaftskritik spiegelt sich vor vor allem in der Geschichte vom „Krieg der Generationen“ wider. Das „sozialverträgliche Frühableben“ ' funktioniert nicht mehr, „weil die Pharmafirmen ohne die alten Pillenfresser nicht leben können“ , erklärt er stammtisch-philosophierend. Deshalb macht der Erzähler gemeinsam mit seinem Sohn „als Quelle der Inspiration“ nützliche Vorschläge wie die vom Rententerminator, von der Entwicklung gefährlicher Sportarten für Senioren und der Förderung des sozialverträglichen Frühablebens im Puff. Derart makaber hören sich auch Arno Funkes Belehrungen an den Sohn über die Gefahren der Sexualität an. „Dagobert“ weiß Bescheid, denn sein Verstand kehrt jenseits der Fünfzig, „wenn wir Männer nicht mehr nur an Frauen denken“ , langsam wieder zurück. Für seinen Ableger sieht er keine Hoffnung, auch dessen „Brunftschreie aus niedrig gelegten Autos“ werden ihn bald „blind in den Abgrund der Liebe stürzen lassen“ '.
Solcherart in Stimmung gebracht, sind die Zuhörer überzeugt, Arno „Dagobert“ Funke kann mehr als malen und Bomben basteln (im früheren mit JVA Plötzensee gesühnten Leben), er kann auch schreiben, was er nach „Mein Leben als Dagobert“ mit „Ente Kross“ neuerdings satirisch belegt hat. „Dagoberts“ Schlitzohrigkeit und seine Lust, sich mit dem Establishment anzulegen, hat ein zweites legales Ventil gefunden. Noch besser als erzählen kann Arno Funke jedoch malen. Das belegt neben den auf diese Art unübertroffenen „Eulenspiegel“ -Karikaturen und Postern - wer denkt nicht an die herrliche Persiflage der deutschen Fußballnationalmannschaft - auch „Ente Kross“ mit hinreißenden Cartoons von der Praktikantin Angi Merkel oder dem bierseligen Gerhard.
Funke legt sich satirisch mit der politischen Elite ebenso an wie mit den Schönen und Erfolgreichen aus der glitzernden Welt der Show und des Sports. Zum Glück bastelt Funke keine Bomben mehr. Das wussten aber offensichtlich nicht viele Senftenberger, denn der erwartete Publikumsandrang blieb aus.