Vielleicht geht ja in Europa noch was? Der Börsencrash ist gerade vorbei und hat manchen Geschäftsmann arm gemacht - das Stück ist übrigens 1934 erschienen, Parallelen sind nicht zu übersehen. Alle sind auf diesem Luxusliner Suchende. Schwere Jungs und leichte Mädchen, die sich unter die Passagiere gemischt haben. Der Staatsfeind Nr. 13 Moonface Martin mit seiner Gangsterbraut Erma, die für einige Verwirrung sorgen. Frauen sind auf der Pirsch nach der großen Liebe. Und wenn die schon nicht zu haben ist, dann vielleicht eine kleine. Die "sinnlichste Predigerin der Welt" Reno Sweeny tut alles, um die schwarzen Schafe reinzuwaschen - und rettet als Nachtklubsängerin die Sünder. Anything goes, hofft auch sie. Insgeheim sucht auch Reno nach der großen Liebe. Mit ganzem Körpereinsatz hat sich Camilla Kallfaß in die missionierende Sängerin verwandelt. Nicht nur, dass die hübsche junge Frau, die im Sommer vorigen Jahres an der Hochschule der Künste Berlin mit Auszeichnung ihre Ausbildung zur Musicaldarstellerin beendete, viele der Cole Porter Evergreens singt, sie muss auch heftig (stepp)-tanzen. Kondition ist da gefragt, gute Körperkoordination. Natürlich hat sie das an der Schule alles gelernt, aber die Reno Sweeny ist eine ihrer ersten großen Theaterrollen. "Ich habe schon für mich eine Menge geübt", gesteht sie. Dabei wollte Camilla Kallfaß ursprünglich nichts mit der Bühne zu tun haben: "Meine Mutter ist Schauspielerin, dieses unstete Leben wollte ich nicht. Nach dem Abitur habe ich überlegt, vielleicht Medizin oder irgendwas anderes Naturwissenschaftliches zu studieren." Aber dann kam der Zufall in Gestalt eines Musicaldarstellers des Weges. Nach dem Abitur folgte sie ihm zu einem Musical-Workshop. "Damals fasste ich den Entschluss, statt nach dem Abi ein Jahr durch die Welt zu reisen, auszuprobieren, ob die Bühne wirklich was für mich ist", erinnert sie sich. Erstes Rüstzeug holte sie sich an einer Wiener Privatschule, um dann so richtig ernst mit dem Beruf zu machen. 2004 begann sie ihr Studium in Berlin, belegte möglichst viele Kurse, um nicht einseitig auf Musical festgelegt zu sein, sondern auch als Schauspielerin arbeiten zu können, gerne auch beim Film. Oder bei der Operette, die liebt sie sehr. Aber jetzt ist sie erstmal die Reno in "Anything Goes". "Reno ist ein toller Mensch, selbstbewusst und immer darauf bedacht, den anderen zu helfen", beschreibt die Schauspielerin ihre Figur. "Es ist beeindruckend, wie sie über den Dingen steht, die Fäden in der Hand hält. Sie lebt das Anything goes. Nur wenn ihre eigenen Gefühle durchkommen, entgleitet ihr das Geschehen." Camilla Kallfaß ist nicht zum ersten Mal in Cottbus zu sehen. In "Cabaret" spielt sie bereits eine kleinere Rolle und brillierte mit Chansons im Vorprogramm. "Ich bin gerne in Cottbus", bekennt sie. "Die Stadt hat so etwas Intimes, die Leute kennen sich noch, das ist nicht so anonym wie in Berlin, wo ich wohne. Und auch am Theater herrscht eine unglaublich schöne Atmosphäre - ich habe hier sehr liebe Kollegen gefunden, tolle Darsteller." Außer in Cottbus steht sie seit Oktober auch im Kleinen Theater am Südwestkorso in Berlin als Manuela auf der Bühne und verkündet: "Schuld war nur der Bossa nova". "Vom Wedding nach Las Vegas - Die Manuela-Story" heißt das Stück, das den Aufstieg des ersten Girlies der Nation zurückverfolgt. Das Stück läuft immer noch und ist ein großer Erfolg. Ohrwürmer schwirren auch in Cottbus durch den Saal, finden durch die Turbulenzen auf der Bühne ihren Weg in die Gehörgänge des Publikums. Interpretiert von Sängern wie Liza Minelli, Frank Sinatra oder Marlene Dietrich sind die Cole-Porter-Songs längst Evergreens geworden. Gesungen wird übrigens in Originalsprache um Porters Wortwitz zu erhalten. Die Dialoge sind deutsch. Das Staatstheater verspricht Unterhaltung in Broadway-Nähe. Warum auch nicht: Anything goes - da geht was.