Geburtstag wäre sie "gern still hinweg gegangen", sagt sie. Im Berliner Ensemble habe man das anders gesehen. An der Geburtstagsehrung am 11. März wird sie sich mit Szenen aus Bertolt Brechts "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" beteiligen. Auf der Bühne ist die Heilige Johanna zu ihrer Lieblingsrolle geworden, die sie auch im wahren Leben begleitet. Gleich ihr geht Reichel gegen Unrecht auf die Barrikaden. Dabei hat sie gelernt: "Es ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel."
Die Zeit am Berliner Ensemble in den Anfangsjahren ihrer Karriere hat die Darstellerin entscheidend geprägt. Verbrieft ist Brechts Lob, der in der jungen Frau eine der "begabtesten Schauspielerinnen des Ensembles" sah.
Seit Anfang der 60er-Jahre war das Deutsche Theater Berlin ihr Zuhause. International wurde sie als Shen Te/Shui Ta in Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" (1957) bekannt. Film und Fernsehen der DDR wussten ihre überzeugende Darstellung zu schätzen.
Leben und Bühne sind bei Reichel untrennbar verbunden. Zu DDR-Zeiten sammelte sie Unterschriften gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, im wiedervereinigten Deutschland hungerte sie mit den um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Kali-Kumpeln von Bischofferode. Wenn auf dem Berliner Alexanderplatz gegen Hartz IV demonstriert wird, ist sie dabei. Die Frauen vom "Komitee der Soldatenmütter Russlands", die ihre Söhne nicht in den Tschetschenien-Krieg schicken wollten und für ihren Protest 1996 den Alternativen Nobelpreis erhielten, hatte Reichel für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Ein von Reichel geschriebenes Buch soll im Sommer beim Leipziger Verlag Faber & Faber erscheinen.