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| 15:24 Uhr

Neue Ausstellung
Voller Geschichte und Geschichten

Johannes: Heisig „Aprilwetter“, Öl auf Leinwand, 60 x 90 cm.
Johannes: Heisig „Aprilwetter“, Öl auf Leinwand, 60 x 90 cm. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Brandenburgisches Landesmuseum zeigt Malerei und Arbeiten auf Papier von Johannes Heisig. Von Renate Marschall

. Eigentlich habe er nur eine Jazzband malen wollen, erzählt Johannes Heisig kurz vor der Eröffnung seiner Ausstellung „Tonlagen“ im Brandenburgischen Landesmuseum für bildende Kunst, Dieselkraftwerk Cottbus, am Freitagabend. Doch wie so oft im Schaffensprozess des in Leipzig geborenen Malers mit dem berühmten Vater stand – dem ewigen Zweifel, ob ein Werk wirklich fertig sei geschuldet – am Ende ein in seiner Aussage viel komplexeres Werk. „Ein Hauptwerk im Schaffen des Künstlers“, sagt Kustos Jörg Sperling.

Das in seinen Ausmaßen, vor allem aber in Komplexität beeindruckende Triptychon trägt den Titel „BeBerlin oder Die einende Kraft der Musik“ (2009/2011). Ein bisschen spöttisch setzt sich der Titel mit der 2008 gestarteten Hauptstadt-Campagne auseinander. Was wirklich Berlin ist – sowohl den Rhythmus der Stadt wie ihre weltpolitische Bedeutung betreffend, dokumentiert dieses Bild besser als oberflächliches Marketing. Stundenlang könnte man vor diesem Werk stehen und immer wieder etwas Neues entdecken – tatsächlich entdecken. Manches ist nur verwischt gemalt, als wäre sich der Künstler nicht ganz sicher, ob das Bild nicht zu plakativ werden könnte. Peter Fechter etwa, einer der  Mauertoten.

Dominiert wird die Mitteltafel von drei Musikern: links ein Punk-Schlagzeuger, in der Mitte ein Saxophonist und rechts ein Cellist. „Im Osten waren die Musiker immer radikaler“, kommentiert Johannes Heisig. Links Ost  und rechts West  der Mauer ist auch links und rechts im Bild. Als kritische Zeitzeugen schauen der Dramatiker Heiner Müller und der Dichter Gottfried Benn auf das Geschehen, Kennedy, Brandt, Adenauer sitzen im Schatten der Mauer. Auf der anderen Seite eine Mutter mit Kind – es hat in der geteilten Stadt ein normales Leben gegeben. Dazu die verbindende Kraft der Musik – Projektionsfläche für vieles: Unangepasstheit, Freiheit, Grenzüberschreitung. Letzteres im künstlerischen wie im Wortsinn. Heisig erinnert vor dem Bild stehend an künstlerische Kontakte der Szene etwa von Günter „Baby“ Sommer und Albert Mangelsdorff schon in den 1970er-Jahren. Und auch Heisig selbst ist Teil der Szenerie. Am unteren Bildrand ragt sein Kopf herein, mit immer noch kritischem Blick auf sein Werk, zugleich auch als Teil dieses gesellschaftlichen Umbruchs.

Auf der linken Tafel des Triptychons sieht man eine Frau, von Dämmerlicht umgeben, im Verborgenen aus einem Fenster springen, wie während des Mauerbaus in der Bernauer Straße. Die rechte Tafel rückt einen DDR-Grenzer in den Mittelpunkt, mit dem Rücken zur so lange bewachten Mauer, auf der nun dicht an dicht Menschen sitzen.

Dieses Triptychon weckt Erinnerungen, hält sie zugleich wach, fordert auf zu eigener Assoziation. „Ich freue mich, wenn die Leute ihre eigenen Geschichten mit dem Bild verbinden, ich höre gern zu“, erzählt Johannes Heisig. Ebenso wie das Triptychon, das den Schlusspunkt der Bilderfolge „Es war einmal“ markiert, beeindrucken auch alle anderen Arbeiten durch ihre Vielschichtigkeit und künstlerische Ausdruckskraft.

Insgesamt zeigt die Ausstellung, zu deren Eröffnung auch Kulturministerin Martina Münch (SPD) gekommen war, 80 Werke der Malerei sowie Arbeiten auf Papier. Letztere nicht minder bemerkenswert. „Zum ersten Mal“, betont Museumsdirektorin Ulrike Kreimeier, „wird der komplexe Zyklus der großformatigen Kohlezeichnungen ‚Krähe: aus dem Leben und den Gesängen der Krähe‘ (2011) mit den dazu entstandenen Lithographien gezeigt.“ Inspiriert sind sie von den ekstatischen Versen des englischen Dichters Ted Hughes (1939-1998). Johannes Heisig sagt selbst über seine Faszination für diese Dichtung: Sie ergab sich „aus der streckenweise brutal direkten, finsteren und illusionsfernen Diktion Hughes‘.“ Vor allem reizte ihn, adäquat darzustellen, was der Dichter mit dieser Krähe als „einen Archetyp, ein Wesen, das sich einer konkreten Figurenzuweisung entzieht und zwischen animalischen, menschlichen, teuflischen und göttlichen Aspekten oszilliert“ geschaffen hatte. Obwohl nur schwarz, weiß und grau haben diese Zeichnungen eine ungeheure Kraft. Ganz unmittelbar erzeugen sie Emotionen, erwachsen Bedrängnisse und mythisch-geheimnisvolle Ahnungen des Unfassbaren. Der Mensch als ins Leben und die Zeit geworfenes Individuum.

Mit dieser Ausstellung ist dem Kunstmuseum ein großer Wurf gelungen. Exzellente Malerei und Grafik, die dem Betrachter zugleich intellektuelle Herausforderung und damit Denkvergnügen beschert. Wenn zu den Krähen-Bildern auch noch, wie von Ulrike Kreimeier angekündigt, eingesprochene Textfragmente kommen, erhöht sich die Wirkung wohl noch.

Die Ausstellung läuft bis zum 24. Juni – Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Der Kunstkreis 60+ trifft sich mit Kustos Jörg Sperling zum Rundgang  18. April, 14 Uhr. Erste Führung durch die neue Schau, ebenfalls mit Jörg Sperling:  Sonntag, 29. April,16 Uhr.