Von Renate Marschall

„Blick auf Polen / Blick aus Polen“ – Überschrift für einen regelrechten Ausstellungsmarathon des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLMK) an seinen beiden Standorten in Cottbus und Frankfurt (Oder). Zwei Ausstellungen wurden bereits Anfang September in Frankfurt eröffnet, sie zeigen polnische und deutsche Druckgrafik sowie unter dem Titel „Dieser fatale Hang der Geschichte zur Wiederholung“ Arbeiten polnischer Künstler zu Christa Wolfs autobiografischem Roman „Kindheitsmuster“. Die Schriftstellerin wurde in Landsberg/Gorzów geboren.

Seit dem Wochenende gibt es nun auch in Cottbus die Möglichkeit der Begegnung mit Kunst aus dem Nachbarland – gleich dreifach: Malerei, Plakatkunst und Fotografie.

„Lovely Planet: Polen“ hat der junge Fotograf Jakob Ganslmeier, Absolvent der renommierten Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin, seine Erkundungen im Nachbarland überschrieben. Nicht zufällig in Anlehnung an den vor allem bei Rucksacktouristen beliebten, etwas anderen Reiseführer „Lonely Planet“ (einsamer Planet). Wie in diesem sind seine Erfahrungen in Rubriken gegliedert: Sehenswürdigkeiten, Aktivitäten, Shopping, Schlafen, Essen, Transport und geführte Touren. Touristisch ist da wenig, viel aber für Reisende, die bereit sind, ohne Dünkel Fremdes zu entdecken.

Mehr als 10 000 Kilometer ist Ganslmeier durchs Land gereist, hat meist abseits der üblichen Touristenrouten haltgemacht. Im vom Steinkohlebergbau geprägten Katowice etwa, das ebenso wie die Lausitz einen schwierigen Strukturwandel durchmacht und sich nach und nach neu erfindet – etwa mit architektonisch interessantem Einkaufszentrum und Sportanlagen, die nur auf Olympische Spiele warten. Kurze Texte, teilweise mit liebevoll ironischem Unterton, liefern Informationen, ergänzen das Bildmotiv.

So lernt der Betrachter beispielsweise Herrn Kosmaty kennen, der wie ein Relikt vergangener Zeit stolz in der Uniform der Waldenburger Bergleute in einem von dürrem Gras überwucherten früheren Bergbaugelände steht, im Hintergrund der Förderturm. Auch auf Deutsch und Englisch führt er Interessierte durch die Steinkohleanlagen. Er hat einen neuen Platz für sich gefunden – sicher nicht jeder. So trifft man in den überhaupt nicht lamoyanten Bildern auch auf jene, die vom großen Wandel, dem Wirtschaftsboom in Polen – wie ja überall – an den Rand gedrängt werden, nicht mithalten können. Ein junger Mann im Kapuzenshirt steht vor einer verfallenen Wand, auf die einer Polonia Bytom Hooligans geschrieben hat. Junge Leute haben es auf dem Land und in Kleinstädten schwer, eine Perspektive zu finden, erklärt Jakob Ganslmeier. Warschau, Kraków, Wroclaw sind Städte, die mit ihrer Aufbruchstimmung zum Magnet werden.

Polen im Wandel – Jakob Ganslmeier hat das neugierig gemacht. „Nach mehreren Kurztrips wollte ich einfach genauer wissen, was dort passiert, schließlich ist das ja ein großes Nachbarland“, erklärt er. Einen Reiseführer wollte er machen, mit Orten, wo niemand hinfahren möchte und die doch eine Reise wert sind. Man könne sich nicht vorstellen, wie rasant der Wandel vor sich gehe, erzählt er. „Ein Ort, den man im Frühjahr besucht hat, kann im Herbst schon ganz anders aussehen. Da sind Häuser verschwunden und andere aufgebaut.“ Auf einer der Fotografien schauen zwei Männer in „lässiger“ Kleidung durch eine Lücke im Bauzaun – interessiert, was hier schon wieder Neues entsteht und doch außen vor.

Ein Bus – Hauptverkehrsmittel in Polen, wie aus dem Bildtext zu erfahren ist – auf einer offenbar neuen Straße. Viel ist in den zurückliegenden Jahren in das Straßennetz investiert worden, was allerdings nicht für die Autobahn hinter Forst in Richtung Wroclaw gilt. Und mit den Bussen ist es auch so eine Sache: „Mit etwas Geschick erreicht man auch noch den kleinsten Ort in akzeptabler Zeit. Und mit etwas Glück in einem Fahrzeug, in dem Ihre Eltern geboren sein könnten“, wendet sich Ganslmeier an die Nutzer seines speziellen Reiseführers.

Verfall und Hochglanzfassaden, Menschen, denen er zufällig begegnet, der versierte Blick des Fotografen, der im Alltäglichen das Besondere findet, macht diesen Reiseführer einzigartig. Wenn Sie ihm folgen wollen, machen Sie es nicht wie der Tourist auf den Großformaten im Ausstellungsraum – aber sehen Sie selbst. In einem Ständer ist jedes Bild mit Text noch einmal im Miniaturformat inklusive Auszug aus der Landkarte zu finden – als Reiseanregung zum Mitnehmen.

Ausstellung im BLMK in Cottbus, Dieselkraftwerk, Am Amtsteich, bis 18. November, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.