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| 18:27 Uhr

Kultur unterwegs
Leidenschaftliche Tongemälde

Brandenburgische Sommerkonzerte auf Station in der Burger Kirche.
Brandenburgische Sommerkonzerte auf Station in der Burger Kirche. FOTO: Peter Becker
Burg. Die Brandenburgischen Sommerkonzerte mit Klassikern auf Landpartie verzaubern das Publikum in Burg. Von Renate Marschall

Es ist ein Sommertag wie gemacht für die Klassiker auf Landpartie. Nur ein paar kleine weiße Wolken schieben sich am Nachmittag ab und zu vor die Sonne, während sich die mit zwei Bussen aus Berlin angereisten Ausflügler im Pfarrgarten der Gemeinde Burg über die Erlebnisse des Tages austauschen. Ralf Körner und seine Frau haben den historischen Spaziergang durch die Gemeinde mitgemacht. „Wir haben viel über die Geschichte der Wenden/Sorben erfahren, woher der Begriff Kauper kommt und wie zwischen den Fließen früher Viehzucht betrieben wurde – Kühe auf Kähnen, zum Staunen“, sagt er. Wie die meisten sind Körners nicht zum ersten Mal mit auf Landpartie. Sie loben das Konzept der Brandenburgischen Sommerkonzerte, verschiedene kulturelle Aspekte mit dem Kennenlernen der Menschen, der Natur und der Geschichte an verschiedenen Orten zu verbinden.

Wer keine Lust auf Laufen hatte, konnte sich mit dem Kahn durch den Spreewald schippern oder  durch Fjodor Dostojewski von den Weißen Nächten und einer zu Herzen gehenden Liebe verzaubern lassen, sehr lebendig erzählt von der Schauspielerin Aliki Hirsch.

Andrea Martin aus Luckau ist schon seit 28 Jahren, solange es die Veranstaltungsreihe gibt, dabei. „Oft auch mit Gästen aus dem Ausland“, erzählt sie. Diesmal aus Bologna. „Ich bin ganz fasziniert davon, schon am Nachmittag in ein Konzert gehen zu können und vorher etwas von dem Ort zu erfahren, wo es stattfindet“, erklärt Patrizia Bazzocchi. Besonders groß ist ihre Freude, als sie im Kozertprogramm zwei italienische Komponisten entdeckt – neben Antonio Vivaldi den eher unbekannten Giuseppe Sammartini. Dabei steht das Konzert unter dem Titel „Reise ins London des 18. Jahrhunderts“. Kein Widerspruch, wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt. Die Welt war eben schon immer rund (wissenschaftlich betrachtet natürlich nicht) und Menschen von Nord nach Süd und umgekehrt unterwegs. Künstler besonders. Die meisten, die wir auf dieser Reise treffen, hatten auch irgendwie miteinander zu tun. Bis auf Vivaldi, der aber trotzdem bestens in dieses fulminante Barockkonzert mit dem Ensemble Odyssee aus Amsterdam in der Burger Dorfkirche passt.

Sie alle sind Virtuosen auf ihren Instrumenten – Anna Stegmann, die mit ihrem Blockflötenspiel begeistert, Eva Saladin und Christoph Rudolf auf der Violine, David Alonso Molina auf der Bratsche, Agnieszka Oszanca, die mit dem Cello Akzente setzt und Andrea Friggi am Cembalo, der dank William Babell auch zu einem Solo kommt. So setzt sich der Nachmittag der Entdeckungen auch im Konzert fort. „Wir haben eine Mission“, stellt Anna Stegmann das Ensemble vor, „wir wollen vergessene Komponisten und ihre Musik bekannt machen.“ Ein solcher Vergessener, wie sich herausstellt, völlig zu Unrecht, ist William Babell. Fröhlich, melancholisch, tänzerisch klingen seine Concerti mit anspruchsvollen Blockflötensoli. Eine gefällige Musik, sommerlich leicht. Georg Friedrich Händel dagegen ein Schwergewicht – was nicht sein imposantes Erscheinungsbild meint. Selbst wenn er in dieser Triosonate in c-moll bei sich selber klaut – Opernarien und Feuerwerksmusik klingen an. Vielleicht aber hatte auch sein Musikverleger Walsh die Hände im Spiel?

Händel und Babell haben sich gekannt, vielleicht sogar war Händel Babells Lehrer. Auf jeden Fall war der unbekannte Engländer für seine extravaganten Cembalo-Arrangements von bekannten Opernarien anerkannt. Seine eigenen Kompositionen erschienen erst posthum.

Auch Giuseppe Sammartini gehört in den Kreis der Musiker um Händel, dessen Lieblingsinstrument die Oboe war. Sammartini galt zu seiner Zeit als bester Oboist Europas, aber auch seine Kammermusik war beliebt. Mehr als 60 Sonaten schrieb er für Blockflöte. Wunderschön sein Konzert für Flöte F-Dur – ein Ohrenschmaus mit einer Interpretin wie Anna Stegmann.

Beifallsstürme der etwa 400 Zuhörer gab es für Antonio Vivaldis Concerto für Flautino. Beschrieben als „elegante, leuchtende und leidenschaftliche Tongemälde“ – dem ist nichts hinzuzufügen.

Begeistert ist auch Sabine Fiedler: „Ich liebe Barockmusik und wie sich zeigt, ist immer noch etwas zu entdecken. Für mich war es Sammartini. Dazu diese Soli, einfach großartig gespielt. Überhaupt bieten die Sommerkonzerte Vielfalt – von Jazz bis Klassik. Nur würde ich mir wünschen, der Sommerkonzert-Bus würde auch in Ost-Berlin eine Haltestelle haben“, sagt sie. Vielleicht klappt das ja in der 29. Saison 2019.