Nach Freiheit und Macht herrscht Gleichheit bei der dritten Ausgabe der „Brandenburgischen Gespräche“ im Staatstheater Cottbus. Zumindest, was die Zuschauer betrifft. Corona verwehrt ihnen, im Großen Haus dabei zu sein. Per Stream aber können sie in Echtzeit von jedem Ort der Welt kostenfrei miterleben, wie sich die Schriftstellerinnen Terézia Mora und Katja Lange-Müller im Gespräch mit rbbKultur-Redakteurin Natascha Freundel einem Begriff nähern, den sich schon die Französische Revolution auf die Fahnen schrieb – und scheiterte.

Gleichheit bedeutet nicht gleich Gerechtigkeit

Und doch: Ihr Leitspruch „Liberté, Égalité, Fraternité“ – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – prägt noch heute unser Demokratieverständnis. Und sorgt für Streit. Der am Montagabend höchst literarisch, klug und vergnüglich ausgetragen wird. Denn das Thema Gleichheit ist den Frauen, die sich die Bühne teilen, gar nicht gleich. Vor allem, weil es nicht gleich Gerechtigkeit bedeutet. Wissen sie doch, was Gleichschaltung für Menschen heißen kann und auch, wie unterschiedlich heute noch Chancen verteilt sind und wie gerade in Zeiten der Pandemie soziale Ungleichheit schärfer ins Blickfeld gerät. „Frauen erhalten 18 Prozent weniger Gehalt als Männer, mit oder ohne Gendersternchen“, wehren sie sich gegen akademische Gleichstellungsdebatten. Wobei sie auch darauf verweisen, dass Gästin keine übereifrige Erfindung der Neuzeit ist: Gästin findet sich schon im Wörterbuch der Gebrüder Grimm.

Gleichheit ist eine Frage der Pespektive

Auch wenn es in den Grundrechten demokratischer Gesellschaften verankert ist: Gleichheit, so wird schnell klar, ist immer eine Frage der Perspektive. Und die ist bei den beiden Schriftstellerinnen sehr individuell, auch wenn beide Bachmann-Preisträgerinnen sind, überhaupt Preisverdächtiges zu Papier bringen und noch andere Gemeinsamkeit aufzuweisen haben. Sie kennen sich lange, sind miteinander befreundet und hatten beide in diesem Februar einen runden Geburtstag gefeiert, weiß die Moderatorin. Katja Lange-Müller ist 70 geworden, Terézia Mora 50. Es ist, als setzten sie hier auf der Bühne ein Gespräch fort, das sie, vielleicht nach ihren Frankfurter Poetikvorlesungen oder bei einem Spaziergang in Berlin begonnen und nur unterbrochen haben. Für dass es eine Ermunterung durch die Moderatorin eigentlich gar nicht bedarf.

Die bösen Guten und die guten Bösen

Wir begegnen Schriftstellerinnen von widerspenstiger Natur, die Lust auf Bücher, Leben, Figuren vermitteln, die besonders sind und nichts mit Gleichheit zu tun haben: „Mich interessieren die bösen Guten und die guten Bösen. Figuren, die sich vom Paulus zum Saulus wandeln wollen oder umgekehrt“, sagt die in der Hauptstadt der DDR geborene Lange-Müller. Die Tochter von Inge Lange, eine der mächtigsten DDR-Politikerinnen, wuchs vor allem im Kinderheim auf. Mit 16 flog sie wegen „antisozialistischem Verhalten“ von der Schule. Eine extreme Linkshänderin, der man das Schreiben vergraulte und die nur die Wahl hatte, „Linksaußen beim Fußball zu werden oder Schriftsetzerin“, wie sie erzählt. „Wenn die Gelegenheit war zu widersprechen, habe ich die Gelegenheit genutzt“, erklärt sie: „Ich wollte ganz und gar Individuum sein“, kommentiert sie ihre absurde Idee einer „autonomen Republik Katja Lange-Müller“ und warum sie scheinheilige Wörter nicht mehr setzen wollte und sich widersetzte.

„Wichtige Dinge passieren am Rand“

1984 ging sie nach Westberlin. Inzwischen schreibt sie wieder mit links. „Seit ich den Widerstand gegen das Schreiben überwunden habe, interessiert mich alles, was mit Wider beginnt“, verrät sie, warum sie ihre widersprüchlichen Figuren an der Peripherie der Gesellschaft ansiedelt: „Wichtige Dinge passieren am Rande.“ Lange-Müller betrachtet das „Problem als Katalysator“, so der Titel eines Buches, das im Rahmen ihrer Dozentur der Frankfurter Poetik-Vorlesungen entstanden ist und Komik als Waffe der Schwachen ins Feld führt.
„Auf dem Seil“ heißt der dritte Roman der Trilogie von Terézia Mora, für die sie mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde. Und wie auf einem Drahtseil heißt es auch im Gespräch nicht die Balance zu verlieren zwischen wohltönenden Idealen und bodennaher Realität, zwischen Gleichheit und Ungleichheit, einer Utopie, die durch Gleichmacherei als erschreckende Fiktion zur Anti-Utopie wird.

Die einzige deutschsprachige Familie im Dorf

Als die Mauer fiel, verließ Terézia Mora ihr Dorf an der ungarisch-österreichischen Grenze, wo ihre Familie die einzige deutschsprachige war. Dieses Anderssein ließ man sie schon in der Schule spüren. „Meine Rettung war, mich darauf zu konzentrieren, was mich besonders macht“, erinnert sie sich. Als sie mit dem Schreiben begann, wusste sie: „Damit ist mein Leben gelöst, jetzt kann nichts mehr schiefgehen.“
Und so beschreibt sie auf einzigartige Art, was Menschen von anderen unterscheidet, mit all ihren Marotten, Extremen und Eigenarten wie in dem Erzählband „Die Liebe unter Aliens“. „Schreiben hat nichts mit Gleichheit oder politischer Korrektheit zu tun“, betont Mora, die gendergerechte Sprache eher peinlich findet: „Damit wird man mit der Nase auf intime körperliche Besonderheiten gestoßen, die so besonders gar nicht sind. Wir sind Menschen. Das verbindet uns“, wobei sie alle das gleiche Problem haben: „Die Emanzipation kommt voran wie die Schnecke auf dem Glatteis“, sind sich die Schriftstellerinnen einig. Deshalb gelte es, für alle die Ausgangspositionen anzunähern, wird an diesem Abend eine Idee geboren: „Wir wünschen uns ein Ministerium für Teilhabe.“
Apropos Gleichheit. Brandenburgische Gespräche live im Netz sind spannend, aber nicht dasselbe wie hautnah im Staatstheater. Und auch nicht das Gleiche.

Wie wir leben wollen – die Brandenburgischen Gespräche


In Koproduktion mit rbbKultur und als Kooperation mit der LAUSITZER RUNDSCHAU bringen die „Brandenburgischen Gespräche“ am Staatstheater Cottbus Fragen unserer Zeit auf die Bühne und thematisieren, was die Gesellschaft bewegt. An vier Abenden in der Spielzeit treffen Schriftstellerinnen, Künstler, Wissenschaftlerinnen und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in offenen Dialogen aufeinander. Unter der Überschrift „Grenzenlose Identität“ diskutieren sie grundsätzliche Fragen danach, wie wir leben wollen.

Beim vierten Brandenburgischen Gespräch am 10. Mai mit der Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler und dem Schriftsteller Marcel Beyer dreht sich alles um Wahrheit. Die Moderation übernimmt wieder Natascha Freundel.

Das aktuelle Gespräch ist nachzuhören auf rbb Kultur