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Bodenständig und luftig leicht

Der Cottbuser Grafiker und Bildhauer Hans-Georg Wagner stellt im Kunstmuseum aus.
Der Cottbuser Grafiker und Bildhauer Hans-Georg Wagner stellt im Kunstmuseum aus. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Sie ist überraschend, fordernd, anregend, macht neugierig – die Ausstellung "Zwischen/Schritte" des in Cottbus lebenden Künstlers Hans-Georg Wagner in der Cottbuser Niederlassung des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLmK). Und sie erzählt viel über den Mittfünfziger. Renate Marschall

Bereits im Eingangsbereich steht eine Art Paravent, zum Quadrat geformt. Die Öffnung, sie wirkt wild hineingeschnitten, als hätte jemand flüchten wollen, gerade so groß, dass man sich hindurchzwängen kann. Von außen sind die Holzplatten schwarz gestrichen, das Leben entfaltet sich im Inneren. Schon allein das ist vielfach deutbar - als Universum, Innenleben, Weg der Erkenntnis. . .

Entstanden ist die Arbeit 2015 während eines Symposiums unter dem Titel "Mythos Europa". Tatsächlich hatte sich Wagner damals in diesen Käfig aus Holz einschließen lassen, um sich mit dem Thema "Freiheit nur eine Illusion?" auseinanderzusetzen. Lächelnd sagt er: "Freilich lässt sich über Freiheit wunderbar philosophieren, wenn man das Ausbruchswerkzeug dabei hat."

Mit einer Kettensäge hat er dem leblosen Holz von Malerplatten Menschheitsgeschichte in die glatte Oberfläche geschnitten, Verletzungen auf das Material übertragen. Zugleich hebt sich aus der Fläche eine neue Dimension - das Relief, das über dem Hintergrund steht. 78 Figuren sind auf den acht Tafeln zu sehen. Unglaubliche Feinarbeit - mit einer Kettensäge! Gedanklich folgt der Bildhauer der Auffassung seines Lieblingsphilosophen Peter Sloterdijk, dass Freiheit immer subjektiv ist.

"Ich möchte mir ein Bild von dem machen, was abläuft, unter die Oberfläche gehen", sagt der Künstler, der seine Ausbildung an der Fachschule für angewandte Kunst Schneeberg erhalten hat.

An der großen Wand am Aufgang im Foyer hängt das Diptychon "Begegnungen I" und "Begegnungen II", Zweisamkeit darstellend. Ein Thema, unerschöpflich in seinen Spielarten, das Hans-Georg Wagner auf unterschiedliche Weise immer wieder bearbeitet, und dem man im oberen Ausstellungsraum auf ganz neue, überraschende Weise begegnet.

Von vielen seiner Reliefs macht der Künstler Hand-Abreibungen, auch in verschiedenen Bearbeitungszuständen. Sodass zunächst mehr Flächiges, also Farbiges, auf dem Papier zu sehen ist, das später ein neues Bildelement trägt. Es gibt Reliefs, von denen er mehr als Hundert Varianten solcher Abreibungen, farbige Drucke also, hergestellt hat.

Sein bevorzugtes Arbeitsmaterial ist japanisches Shoji-Papier, durchscheinend, auf der Rückseite sind die großformatigen Grafiken nur durch ein paar Holzleisten gesichert. Luftig leicht scheinen sie im Ausstellungsraum zu schweben, denn sie hängen nicht an der Wand. Wie Raumteiler baumeln sie von der Decke, schließen und öffnen Räume. Ein Windstoß könnte sie fliegen lassen. Oder tanzen wie in Pas de Deux I und II. Hier sind Relief und Abreibungen unmittelbar nebeneinander zu sehen.

Gespannt war Hans-Georg Wagner, wie ein anderer mit seinen Arbeiten umgeht, und ist begeistert von der Gestaltung seiner Ausstellung durch Ulrike Kremeier, Direktorin des BLmK. "Ich fühle mich hier erkannt. Ulrike Kremeier hat sofort gesehen, was man mit den Arbeiten machen kann. Ich finde das sehr spannend."

Immer wieder ergibt sich hinter so einer Reihe Grafiken ein neues Bild, auch indem Skulpturen, aus groben Holzspaltlingen herausgearbeitet, sich zum fragilen Bild in Beziehung setzen. Etwa der "Engel mit gebrochenem Flügel", den Wagner dem Malerfreund Eckhard Böttger, der Cottbuser Schriftstellerin Dorothea Kleine und dem Bildhauer-Mentor Werner Stötzer gewidmet hat. Sie alle sind 2010 gestorben.

Ausstellung bis 19. November, BlmK Cottbus, Uferstraße, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

Zum Thema:
Hans-Georg Wagner ist ein vielseitiger Mensch - Bildhauer, Grafiker, Musiker, er schreibt Texte, interessiert sich für Tanz, Philosophie und das politische Weltgeschehen. All das spiegelt sich in der Komplexität seiner Werke wider, in denen es eine Menge zu entdecken gibt.