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| 02:38 Uhr

"Blütezeiten” in Cottbus zu sehen

Mann, im Gras liegend, 2015 Aus der Serie: Blütezeiten: Goitzsche
Mann, im Gras liegend, 2015 Aus der Serie: Blütezeiten: Goitzsche FOTO: Sven Gatter
Cottbus. Schiffe schweben durch die Luft, ihrem eigentlichen Element enthoben. Rennboote sind es, die sonst, wendige Flitzer, durchs Wasser sausen, Wunderwerke der Technik. Renate Marschall / dst

Nichts von dem, was sie können, nützt ihnen noch. Hilflos hängen sie an Seilen vom Himmel - so jedenfalls will es die Perspektive des Fotografen Sven Gatter. Wie überhaupt sein besonderer Blick, die Auswahl der Bildausschnitte den Wert der Fotografien ausmacht, die zurzeit im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (Dieselkraftwerk Cottbus) zu sehen sind.

"Blütezeiten" ist die Ausstellung überschrieben. Und auch wenn diese "Luft-Schiffe" auf den ersten Blick nichts mit dem Titel zu tun zu haben scheinen, drängen sich im Kontext mit den anderen Arbeiten Bezüge geradezu auf. Neben den wie Fototapete großformatig an die Wand gebrachten Farbaufnahmen der Rennflitzer findet sich die Reproduktion der historischen Aufnahme eines Fesselballons. Mehr als hundert Jahre alt kündet sie vom Wandel, so wie die Boote. Nicht nur in technischer, sondern auch in sozialer Hinsicht. Beide Aufnahmen sind am gleichen Ort entstanden, wie der 1978 in Halle an der Saale geborene Fotograf herausfand. Sie erzählen von den Umbrüchen, mit denen es die Menschen in der Nähe von Bitterfeld zu tun hatten. Nachdem die Luftfahrtindustrie hier ein Ende fand, prägten über Jahrzehnte Chemieindustrie, Kraftwerke und Tagebaue Landschaft und Menschen. Bitterfeld wurde zum Synonym für Umweltverschmutzung - stinkende Luft und verdreckte Flüsse. Heute bietet sich dort ein ähnliches Bild wie in der Lausitz. Aus den gefluteten Tagebaurestlöchern sind Seen entstanden, Wälder wuchsen auf den renaturierten Flächen. Kaum noch etwas ist zu spüren von der einstigen Dreckschleuder der Republik.

Sven Gatter gehört zur sogenannten "Dritten Generation Ostdeutschland", hat an der Ostkreuzschule für Fotografie und der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. "Er ist einer jener jungen Künstler, die ihre eigenen Erfahrungen gesellschaftlichen und politischen Umbruchs in soziale wie künstlerische Debatten einbringen", sagt Museumsdirektorin Ulrike Kremeier. Für seine spezielle Art, sich künstlerisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, erhielt Sven Gatter den Lotto Brandenburg Kunstpreis 2016. Ulrike Kremeier saß mit in der Jury, war sofort von ihm überzeugt.

Die meisten der ausgestellten Bilder stammen aus der Serie Goitzsche. Ein Fluss trägt den Namen und die zum größten Teil renaturierte Landschaft, die Bitterfeld heute zum Ausflugsort macht. Der große Goitzsche-See, die Wälder mit Radwegen, Ferienhäusern. Für Sven Gatter ist es die Landschaft seiner Kindheit und Jugend, wohin es ihn immer wieder zurückzieht. Allerdings eher zu den stillen Orten. Da verschwindet ein sandiger Weg im Dickicht des Waldes, von den Wiesen steigt Dunst auf, der der Landschaft etwas Geheimnisvolles verleiht. Menschen sind hier keine zu finden, als würden sie die Bildkomposition, die Ulrike Kremeier, wie sie sagt, an Carl Blechen erinnert, stören. Sie erhalten in Porträts ihren eigenen Auftritt, der dem Titel Blütezeiten noch einen ganz anderen Dreh verleiht. "Blühende Landschaften" weckt im Osten Deutschlands durchaus ambivalente Gefühle. Die Menschen, die Sven Gatter fotografiert, tragen alle eine Geschichte in sich: Sie waren zu Wendezeiten vielleicht zu alt, etwas Neues zu beginnen, hatten keinen Mut oder kein Glück dabei. Zufrieden scheinen die meisten nicht zu sein - nicht die "Frau mit Beutel" oder die am Gartenzaun. Die Fotografien hängen in unmittelbarer Nachbarschaft zu zwei direkt auf die Museumswand aufgebrachten Fotografien von Wandreliefs aus DDR-Zeiten "Chemiearbeiterin" und "Grubenarbeiter". Sonst keine Arbeiter. Dafür sehen wir einen im Gras liegenden, neben der Angel hockenden oder sein Pausenbrot im Wald verspeisenden Mann, ein Paar am Ufer sitzend. Blütezeiten? Für die einen ganz bestimmt, für andere offenbar nicht.

Zum Thema:
Die Ausstellung läuft bis zum 3. September und ist zu sehen von Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Führungen mit dem Künstler: heute um 14.30 Uhr, am Sonntag, dem 30. Juli, um 16 Uhr und am Sonntag, dem 27. August, um 11 Uhr. Eintritt und Führung jeweils 5,50 Euro. (dst)