Wunderlich hockt auf dem Dach und ist der unglücklichste Mensch auf Erden. Denn sein größtes Glück verwandelte sich in sein größtes Unglück. Marie hat ihn verlassen.

Ohne große Umschweife konfrontiert Marion Brasch die mehr als 160 Zuhörer in der Cottbuser Hugendubel-Buchhandlung mit dem Liebeskummer ihres Romanhelden. Nur kurz versichert sie ihnen, wie froh sie ist, nach längerer Lesereise im Westen wieder zu Hause zu sein.

Ziemlich wunderlich

Ihre Rundfunkkarriere begann für die gelernte Schriftsetzerin im Jahr 1987 als Musikredakteurin beim Jugendsender DT 64. Heute ist ihre Stimme, die nun Wunderlichs tragikomische und oft auch mysteriöse Geschichte zu Gehör bringt, Radioeins-Hörern vertraut. Marion Brasch verordnet dem Mann Wunderlich, um nicht weiter in Selbstmitleid zu versinken, Luftveränderung.

Nicht unsympathisch der Typ, wie sie ihn schildert, und doch ziemlich wunderlich: 43 Jahre alt, geschieden, gegen fast alles allergisch, wehleidig, schnell eingeschnappt.

Begleitet wird er auf seiner Reise von einem klugscheißerischen Telefon. Auch die Bekanntschaften, die er unterwegs schließt, scheinen nicht ganz von dieser Welt zu sein: Finke verschwindet nach gemeinsamer Trinkerei spurlos, und das blasse Mädchen Toni will ihn dazu verführen, Blauharz auf seine Schrammen zu schmieren.

Der nach nassem Hund riechende Stoff soll Verletzungen verschwinden lassen, sogar die seelischen Wunden löschen. An dieser Stelle wird der leichte, lockere, unsentimentale Ton märchenhaft.

Und bei den Zuhörern, die bisher vor allem belustigte Gesichter zur Schau getragen haben, ist nun auch die eigene Fantasie gefragt: Nimmt der Kerl das Blauharz? Das Wundermittel gegen alle Art von Verletzungen hat ja auch eine Kehrseite. "Was sind wir ohne die Erinnerungen? Niemand möchte Narben mit sich herumschleppen, aber die Erinnerungen, auch an die Verletzungen, machen doch den Menschen aus", gibt die 53-jährige Autorin zu bedenken, ohne freilich zu verraten, ob nun Wunderlich das Blauharz nimmt und Finke wieder auftaucht.

Ob es eine Fortsetzung gibt, lässt sie offen. Ein Hörbuch jedenfalls wurde schon eingelesen. Nicht von der Autorin selbst wie bei ihrem ersten autobiografisch gefärbten Roman "Ab jetzt ist Ruhe", sondern, weil es sich ja um die abenteuerliche Reise eines Mannes handelt, von Schauspieler und Moderator-Kollege Stefan Kaminski.

Fordert geradezu die Frage heraus: Wie kommt Marion Brasch ausgerechnet auf ein Männerbuch? "Mit Männern kenne ich mich gut aus", reagiert sie prompt. Nicht nur als kleine Schwester der drei Brüder, die als Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler von sich reden machten und an der Seite eines übermächtigen Vaters, der ja Ende der 50er-Jahre auch Vorsitzender des Rates des Bezirkes in Cottbus war.

Keine Klischees

Davon spricht sie hier nicht: "Ich war immer von vielen Männern umgeben in meinem Leben", sagt sie einfach und setzt hinzu: "Es geht mir nicht um Rollenklischees, sondern um wirkliches Denken und Fühlen." Die Lausitzer jedenfalls kaufen ihr den wunderlichen Kerl ab - und lassen ihn sich sogar noch signieren.