Da trafen sich zwei Seelenverwandte, die sich auch ohne Worte verstehen. Schwierig für das Publikum. "Wir verraten nichts", hatten die Herren für sich beschlossen. Von wegen, Plauderei aus dem Nähkästchen, wie die Veranstaltungsankündigung verhieß. Schweigen! Bei zwei so redseligen Typen wie Bruhn und Harms trug der Vorsatz nicht lange. Und mitzuteilen hatten sie ja jede Menge zum Leseherbst-Thema "Abenteuer Leben". Da wurden einerseits Weisheiten verbreitet wie "Ein Käfer hat vier Beine, 'ne Spinne sogar acht, ein Fisch, der hat gar keine, möcht' wissen, wie er das macht . . ." Dazu spielte Thomas Bruhn auf dem Kontrabass und Thomas Harms spielte, dass er spielt - mit akzeptablem Ergebnis. Obwohl, vertraut sollte ihm das Instrument schon sein. Schließlich hat er Erfolge gefeiert mit Patrick Süskinds Einpersonenstück "Der Kontrabass", meint der Schriftsteller. "Ich muss auch nicht morden, wenn ich einen Mörder spiele", kontert der Mime. Andererseits gab es sehr ernsthafte Ausflüge in die Literatur von Thomas Mann über Stefan Heym bis zu Bruhns "Hausheiligen" Egon Friedell und Kurt Bartsch. Dazu ernste, witzige, nachdenkliche Geschichten über das Abenteuer Leben.

Zum ersten Mal führte es sie 1980 zusammen: Thomas Bruhn war noch bei der Liedertheatertruppe "Karls Enkel" und Thomas Harms Schauspielstudent im ersten Studienjahr in Berlin. Beide waren sie fasziniert von "Blauen Pferden auf rotem Gras". Regisseur Christoph Schroth, der im Laufe des Abends immer wieder eine Rolle spielen sollte, wollte Michail Schatrows Stück am Berliner Ensemble inszenieren und brauchte dazu eine Gruppe Komsomolzen. Die holte er sich an der Schauspielschule - das ganze erste Studienjahr. Wie sich herausstellen sollte, für Thomas Harms eine schicksalhafte Begegnung. Schon damals ließ Christoph Schroth, dessen Theaterspektakel, etwa die Cottbuser Zonenrand-Ermutigung, später legendär wurden, einen Theaterabend nicht erst auf der Bühne beginnen. Harms erinnert sich an die Berliner Inszenierung: "Wir Komsomolzen lungerten im Foyer herum. Ich gehörte zu einer Gruppe, die auf dem Fußboden Karten spielte. Die Leute mussten über uns drübersteigen. Zwei sollten mit einem aufgemotzten Motorrad, Kofferheule unter dem Arm, am Theater vorfahren. Sie kamen aber nicht. Die Volkspolizei hatte sie festgenommen. Schroth musste sie befreien."

Zum zweiten Mal kreuzten sich die Wege von Regisseur und Schauspieler am Schweriner Theater. Der gebürtige Schweriner Thomas Harms, inzwischen mit dem Studium fertig, kam als Zuschauer, Schroth war Schauspieldirektor. Er engagierte Harms. "Ich habe in Schwerin nicht die ganz großen Rollen gespielt", erinnert sich der Schauspieler, "aber es war großartig, dazuzugehören zu dieser wunderbaren Truppe und jeden Abend zu erleben, wie gierig die Leute auf Theater waren." Es waren die letzten Jahre der DDR. Gesellschaftskritik kam nicht selten via Klassik von der Bühne. Ein solches international beachtetes Theaterereignis war Schroths "Faust"-Inszenierung. 111 Mal haben sie diesen "Faust" gespielt - immer ausverkauft.

Das war politisches Theater. Genauso wie der FDJ-Liederabend 1989. Als ein Stück davon eingespielt wird, treibt das Thomas Harms die Tränen in die Augen. "Das neue Leben muss anders werden, als dieses Leben als diese Zeit . . ." heißt es da. "Komm mit, Kamerad, steh nicht abseits, Kamerad . . . Halte Schritt, komm ins neue Leben mit, auf dich kommt es an, auf uns alle." - 1989! "Wir wollten Mut machen, hier zu bleiben, sich zu engagieren", erklärt Harms.

Als Schroth 1992 nach einem Intermezzo am Berliner Ensemble in Cottbus Intendant wurde, trug er seine Idee vom Theater, das sich einmischt, Mitdenken fordert, sich als Labor gesellschaftspolitischer Debatte versteht, hierher. 1993 nahm auch für Thomas Harms das Abenteuer Leben in Cottbus seinen Lauf - nachdem sich Theaterchef und Schauspieler aus alter Tradition bei einer biergesättigten 1. Mai-Feier in der Kantine des Schweriner Theaters wiedergetroffen hatten. Neben vielen anderen Rollen war Harms dann in einer neuen "Faust"-Inszenierung Schroths ein eindrucksvoller Mephisto.

Ein ganz anderes Abenteuer Leben beschreibt Jazz-Liebhaber Thomas Bruhn in einer Kurzgeschichte, die an diesem Donnerstagabend Weltpremiere feierte: Die Reise eines Ehepaares nach Istanbul - kurz entschlossen vom Eheweib eingefädelt, vom Gatten nicht nur mit stillem Protest und zahlreichen Horrorszenarien versehen. In Kishonscher Manier geschrieben, sehr unterhaltend.

Das schwerste Stück des Abends kam zum Schluss: Die von zwei Kontrabässen begleitete, gereimte Forderung der beiden Künstler nach einem Bild auf Seite 1 der LR . . . Das Publikum gab kräftig Beifall.