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Bissig, politisch, makaber, witzig

Erik Lehmann (li.) und Philipp Schaller zündeten in der Cottbuser Theaterscheune ein inspirierendes intellektuelles Feuerwerk.
Erik Lehmann (li.) und Philipp Schaller zündeten in der Cottbuser Theaterscheune ein inspirierendes intellektuelles Feuerwerk. FOTO: Hans-Ludwig Böhme
Cottbus. Sie geben als Alphamännchen ihr Bestes, haben sie versprochen, Philipp Schaller und Erik Lehmann – und es gehalten. Mit ihrem Programm, das am Dresdner Kabarett Herkuleskeule 120-mal erfolgreich lief, sind sie jetzt auf Tournee, am Samstagabend in der Theaterscheune in Cottbus Ströbitz. Renate Marschall

Das Programm nimmt auf, was in Bundesdeutschland gegenwärtig so abgeht - politisch, intellektuell, kulturell, medial. Wenn Tucholsky mal behauptet hat, dass Satire alles darf, die beiden sind dabei. Sie loten bis in die tiefsten Tiefen des schwarzen Humors, wo das Lachen erstirbt und es beginnt wehzutun. So soll gutes politisches Kabarett sein: Das Hirn rattert, und die grauen Zellen fühlen sich bemüßigt, Synapsen zu bilden.

Weil das natürlich keiner zweieinhalb Stunden lang aushält, mischen Schaller und Lehmann Kabarett gekonnt mit Comedy, sodass jeder im Publikum auf seine Kosten kommt. Gelacht wird reichlich. Etwa über die Witwe Hauknecht, deren Mann immer gern Städtereisen gemacht hatte und auch nach dem Tode daran fest hält. Jetzt mit Gunther - von Hagens.

Oder wenn Erik Lehmann die Trainingsjacke überstreift und zu Uwe Wallisch wird - Sachse und Kleingärtner aus Überzeugung - der sich mit der Lügenpresse herumschlagen muss. Dabei wollte er seinem neuen Gartennachbarn Umckaloabo aus Sambia nur helfen. "Aber ein Beduinenzelt (Gibt es Beduinen in Sambia?) gehört nun mal nicht in einen deutschen Kleingarten." Und wenn Regentänze zu Überschwemmung führen, hört der Spaß auf. Schließlich ist Wallisch Selbstversorger. "Hier kommt kein UN-Flugzeug vorbei und wirft einen Sack Reis ab. Uns geht es nicht so gut!" Als Primelnazi hat ihn die Presse bezeichnet, wo er doch nur über deutsche Kleingartengepflogenheiten aufklären wollte und keine Gartenzwerge mit Bastrock mag.

Philipp Schaller geht es eher philosophisch an. Nicht nur, dass er den Philosophen Theodor W. Adorno, einen der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule, mit dessen Auffassung über den Zyniker zitiert, er sinniert auch über die Mittelschicht seiner Generation und fehlende revolutionäre Situationen. Irgendwie scheint beides auch miteinander zu tun zu haben. Die Mittdreißiger sind vor allem damit beschäftigt, alles richtig zu machen. Sie müssen glücklich sein in der Liebe, im Beruf und mit ihren Dinkel-Produkten. Sie achten auf die pränatale musikalische Früherziehung des Sprösslings mit Beethoven - "die Eizelle hört alles".

Dann gilt es, den richtigen Namen zu finden, der dem Lehrer Intellektualität signalisiert, was natürlich nur funktioniert an der richtigen Schule. Selbstredend ist man für die Abschaffung von Eliten - aber nicht beim eigenen Kind. Wer so im Stress ist, hat nicht noch Zeit für die Welt, in der das Mittelmeer den Friedensnobelpreis bekommt, weil es die meisten Flüchtlinge aufnimmt und Verteidigungsministerin von der Leyen behauptet, die Erfolge der AfD seien eine Bekundung für Angela Merkel.

In Schwerte (Nordrhein-Westfalen) werden Flüchtlinge im ehemaligen Konzentrationslager untergebracht. Gut durchdacht: "Neonazis zünden vielleicht alles an, aber nicht die Architektur des Führers." Tief durchatmen!

Das gilt auch für den Caster von RTL II, dem die Behinderten für seine Sendung nicht behindert genug sind, sodass der Sender dazu übergehen musste, Eltern zu überreden, ihre schwerstbehinderten Kinder nicht abzutreiben. Zuvor läuft ein Original-Trailer für die Sendung "Außergewöhnliche Menschen" mit Unheilig "Geboren um zu leben" - makaberer als Kabarett. Moderne Euthanasie, so Schaller.

Da tut es ganz gut, wenn zwischendurch mal Jorge Gonzalez aufkreuzt, in High Heels über die Bühne stakst und "Hola Chicas" in den Saal schmettert. Allerdings macht er das Catwalk-Training im afghanischen Masar-e Sharif bei den deutschen Soldaten. Die können ihre posttraumatischen Belastungsstörungen nicht wie die Amerikaner damit kompensieren, "mal schnell in ein Dorf zu fahren und um sich zu ballern und anschließend Selfies mit den Leichen zu machen".

Ein Abend, der es in sich hatte, bissig, politisch, makaber, fordernd, witzig und so überhaupt nicht zum Fazit von Philipp Schaller passend: Kabarett ist maximaler Beschiss bei minimaler Aufklärung."

Nein. Kabarett ist, wenn Absurdes ad absurdum geführt wird. Das gelang überzeugend.