Privat und gesellschaftlich.
Der "junge Heisig", wie er manchmal noch genannt wird, der in seiner Geburtsstadt Kunst studierte, sich vom Einfluss des Übervaters zu lösen versuchte und zwischen 1989 und 1991 als jüngster Kunsthochschulrektor in Dresden restaurativen Strömungen Paroli bot, hat seinen eigenen Weg gefunden.
Als die Mauer 1989 fiel, war er längst aus dem überväterlichen Schatten herausgetreten. Seit 2000 ist Berlin sein fester Wohnsitz. Der in einem Neuköllner Mietshaus lebende 55-Jährige, der einst zu den geduldeten "Jungen Wilden" der DDR zählte, ist nach 1989 vor allem als Maler expressiver Figuren und Porträts unter anderem von Willi Brandt, Egon Bahr und Johannes Rau hervorgetreten. Um das Thema "Berliner Mauer" ist er jahrelang "herumgeschlichen", wie er sagt. Bis etwa vor einem Jahr, als ihm vorgeschlagen wurde, sich an einem Plakatwettbewerb für die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße zu beteiligen. Wegen der Kürze der Zeit sagte er ab.
Das Thema aber ließ ihn nicht mehr los. Fortan zog es ihn zu den Mauerüberbleibseln an der Bernauer Straße, wo vor 47 Jahren der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls", der wohl tiefste Einschnitt der Berliner Nachkriegsgeschichte, seinen Anfang nahm. "Es war einmal", nennt der Künstler seine "Bilder vom Erinnern, den Erinnerungen und dem Innern". Der aus großformatigen Sichten bestehende Zyklus ist im Abgeordnetenhaus in der Niederkirchnerstraße in Berlin-Mitte ausgestellt.
Märchenhaftes, wie es der Titel suggerieren könnte, sucht der Betrachter allerdings vergeblich. Heisig, der von einem Psychogramm spricht, richtet seinen Blick auf Menschen dreier Generationen: Die seiner Eltern, seine eigene und die junge Generation in Gestalt seines 26-jährigen Sohnes Hermann, einem Tänzer, und einer 23-jährigen Praktikantin der Gedenkstätte, die sich frei durch die Welt bewegen und für die Mauer und Stacheldraht abgeschlossene Geschichtsperioden sind.
Die verstorbene Mutter, eine Keramikbildhauerin, hat der Sohn mit gequältem Lächeln im Rollstuhl gemalt. Sie verkörpert Teilungsgeschichte pur: Nach Trennung und Scheidung geht Brunhild Schmidt-Eisler 1960 nach Frankfurt am Main, will nach Kanada auswandern und versucht im Sommer 1961, ihre Kinder aus Leipzig zu sich zu holen. Der 13. August wird ihr Schicksalstag. Sie kommt aus der DDR nicht wieder raus.
Auf der Leinwand daneben fühlt sich der an den Rollstuhl gefesselte malbesessene greise Vater inmitten traumatischer Bildschöpfungen von der Vergangenheit arg bedrängt: tote Wehrmachtssoldaten, auf ihn gerichtete Bajonette, Flammen und schwelende Ruinen.
Pfarrer Manfred Fischer von der Versöhnungsgemeinde, dessen Kirche nahe der Bernauer Straße 1985 weggesprengt wurde und eine Freundin, die 1988 nach Ausreiseanträgen die DDR verlassen durfte, im Westen nicht Fuß fassen konnte und nach Berlin zurückgekehrt ist, agieren für seine eigene Generation. Der Zyklus klingt mit dem gescheiterten Fluchtversuch eines Ostberliners aus, der mit einem Ballon in Richtung Westberlin schwebt, vom Wind zurückgetrieben wird und in der untergehenden blutroten Sonne in Pankow in den Tod stürzt.
Nachdenkliches ist dem Expressiven "wilder" Jahre gewichen, auch in der Farbgebung. Die Mauer, vom Dach der Gedenkstätte malend nachempfunden, bedeutet äußere Enge und tiefe innere Begrenztheit, unterschiedlich für Eingemauerte und Ummauerte.
Johannes Heisig: "Es war einmal",
Abgeordnetenhaus , Niederkirchnerstraße 5,
10117 Berlin-Mitte, bis 5. September Mo-Fr 9-18 Uhr.