Klaus-Peter Rößiger ist sichtlich stolz auf die Ausstellung, er sprüht vor Begeisterung, nimmt die Worte des Intendanten Manuel Soubeyrand auf, der auf dem Festakt zum 70. Jubiläum des Senftenberger Theaters von zwei Wundern gesprochen hatte. Nimmt sie auf und geht noch weiter: "Es sind drei Wunder. Erstes Wunder ist die Entstehung in dieser Braunkohlestadt, wo es vorher kein Theater gab, das zweite, dass es die Wende überlebte, und das dritte, dass es offenbar eine Zukunft hat." Das hat zumindest Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) beim Festakt Mitte Oktober beteuert. "Deshalb fand ich es auch wichtig, darzustellen, was wir alles leisten für diese Region. Wie der Stellenwert ist, dass man uns auch wahrnimmt. In der vergangenen Spielzeit hatten wir mit 73 300 Besuchern einen neuen Besucherrekord!", erklärt der Ausstellungsmacher.

Und spricht ohne Umschweife weiter: "Wir wollten natürlich zunächst mal zeigen, wie die ursprüngliche Turnhalle ausgesehen hat. Dann der erste Anbau mit den Garderoben, Anfang der 50er-Jahre. Das Haus nach der großen Rekonstruktion von '88 bis '90. Und hier die zweite Spielstätte: das Amphitheater. Fotos von der Entstehung, von der ersten Premiere, das Dach 2011. Auch hier haben wir ja einen wachsenden Besucherzustrom, dieses Jahr mehr als 30 000 . . ."

Da nichts geht und ist ohne die Menschen, die ein Theater (aus)machen, hat Rößiger den Theaterfotografen Steffen Rasche gebeten, die gesamte Belegschaft zu fotografieren, vom Bühnentechniker über die Einlasskräfte, Maske, Ankleidung . . . "Und hier: unser Ensemble. Das wollte ich nicht in Einzelporträts haben, sondern wirklich als Ensemble." Der Besucher stutzt kurz, da ihm diese Gruppenkomposition irgendwie bekannt vorkommt. Klaus-Peter Rößiger schmunzelt: "Richtig: Sieht aus wie das ‚Abendmahl' von da Vinci, oder? Das ist eine Landschaft bei Welzow, man sieht, dass es Bergbau-Gegend ist. Ich finde, dieses Bild erzählt sehr viel über das Theater hier und heute, über dieses engagiert arbeitende Ensemble."

Ein paar Schritte weiter die nächsten Schautafeln. Klaus-Peter Rößiger: "Wichtig: unsere Kinder- und Jugendarbeit. Wir haben ja mit weit über 100 Schulen Verträge, wo uns Schulen besuchen und wir in Schulen gehen, in der Spielzeit 2015/16 haben wir allein 90 Klassenzimmerproduktionen gespielt. Wir haben vier Kinder-und Jugendspielgruppen: Theaterjugendclub, Musicalgruppe, Nachwuchsmusicalgruppe und die Kinderspielgruppe von 8 bis 14 Jahren." Genauso wichtig: der Seniorentheaterclub "Jugendclub 60+".

Aufgelistet sind die Reihen: "Kabarett à la carte", "Der Intendant lädt ein", die "Senftenberger Lesung", ,das Theaterkino . . . Damit verbunden eine Auflistung mit den prominenten Gästen, die das Theater begrüßen konnte. Wer zählt die Köpfe, nennt die Namen: Hanne Hiob, Günter Wallraff, Volker Braun, Stephan Hermlin, Gisela May, Wolfgang Kohlhaase, Ekkehard Schall, Gisela Steineckert, Rolf Hochhuth, Jutta Wachowiak, Volker Schlöndorff, Hermann Kant, Kurt Böwe, Jurij Koch. . . "Ist ja auch 'ne Wertschätzung für unser Haus", fährt Rößiger fort. "Senftenberg hat immer noch einen sehr guten Klang. Ich saß beim Festakt zusammen mit Annekathrin Bürger, Klaus Gendries und Otmar Richter - sie sind gerne gekommen und verfolgen auch, was hier passiert."

Und viel ist hier passiert, das wird demonstriert auf Schautafeln mit Baunotizen, Zeitungsausschnitten, Rückblicken zur schwierigen Wende-und Nachwendegeschichte, wird belegt mit Glückwunschschreiben von Politikern wie dem ersten Brandenburger Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) und dem ersten Kulturminister des Landes, Hinrich Enderlein (FDP). Eine Auflistung der unzähligen Gastspiele, alte Theaterplakate, ein Bildschirm, über den Ausschnitte von Inszenierungen laufen, 140 Fotos aus 70 Jahren Theaterinszenierungen mit Schauspielern wie Alfred Müller, Kaspar Eichel, Hildegard Alex, Otmar Richter, Heinz Klevenow, Hansdieter Neumann, Dietmar Richter-Reinick, Annekathrin Bürger, Rolf Römer . . . Man kann in der Theatergeschichte versinken, und es steht längst fest, dass es nicht reicht, nur ein einziges Mal durch diese Ausstellung zu gehen.

Gut, dass sie die komplette Jubiläumsspielzeit zu sehen sein wird. Und schon stellt sich die Frage, warum eigentlich nicht darüber hinaus? Das ist ein unglaublicher Fundus!

Kurz Luft geholt, schon geht es weiter. "Und hier habe ich Protagonisten ausgewählt, die für das Theater prägend waren", sagt der Ausstellungsmacher. "Wieder zum ersten Wunder: Der erste Intendant Heinz Zimmermann, der innerhalb von vier Wochen eine Theaterbelegschaft geschaffen hat. Mit Schauspiel, Musiktheater. Günter Lange, ein Intendant, der den jungen Leuten eine Chance gegeben hat, der den Horst Schönemann als Oberspielleiter geholt hat - das nächste Wunder: das erste Mal, dass es einen Patenschaftsvertrag mit dem Deutschen Theater gab - einmalig. Senftenberg wurde das Sprungbrett für die großen Theater, für Film und Fernsehen.

Ich habe alle mit einem Attribut bedacht. Horst Schönemann schreibt in Theater der Zeit: ‚Ich war der Lichtbringer in das Dunkel der Kultur in dem Braunkohlenrevier . . . ' Lichtbringer find' ich gut. Also: Horst Schönemann, der Lichtbringer. Heinz Klevenow, der Realist. Sewan Latchinian, der Preisträger. War ja die Sensation, dass wir 2005 Theater des Jahres wurden - als Stadttheater! Manuel Soubeyrand, der Gegenwärtige . . ."

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Der Rote Teppich ist eingerollt. Am 12. November endete "Das Fest". Sieben Wochen lang feierte die Neue Bühne Senftenberg mit 2690 Besuchern ihren 70. Geburtstag. "Wir haben geschenkt und sind beschenkt worden", so das Fazit des Intendanten Manuel Soubeyrand. Die Gäste erlebten vier neue Inszenierungen und den ersten Theaterball der Stadt. Insgesamt gab es 62 Aufführungen, 14 Mal tanzten die Gäste, begleitet von den Schauspielern und der Damenkapelle, auf dem Ball. red/ik